25.09.2020 08:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Jonas Ingold, lid
Zuckerrüben
Vergilbung bedroht Rüben
Der Anbau von Zuckerrüben in der Schweiz ist gefährdet. Zahlreiche Felder sind von der Virösen Vergilbung betroffen. Die Branche fordert eine Notfallzulassung für ein Beizmittel.

Seit 2019 ist in der Schweiz das Neonicotinoid-Verbot in Kraft. Das bedeutete auch das Aus für «Gaucho», ein Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Imidacloprid. Mit diesem wurde Zuckerrüben-Saatgut gebeizt und damit unter anderem gegen die Viröse Vergilbung geschützt. Das Virus war aufgrund des wirksamen Mittels während 25 Jahren kein Problem. Doch dieses Jahr ist alles anders, wie ein Blick auf die Felder zwischen Genf und Bern zeigt. Die Rübenblätter sind wegen des Virus meist gelb statt grün. Die betroffenen Rüben sind deutlich kleiner als die gesunden. Die Branche geht derzeit von Ertragseinbussen bis zu 50 Prozent aus. Ein anderes wirksames Mittel gibt es derzeit nicht.

Pflanzer steigen aus

Deshalb besteht die Gefahr, dass Bäuerinnen und Bauern schon nächstes Jahr aus der Produktion aussteigen. Bereits in den letzten Jahren ist die Rübenfläche von 21'000 auf rund 18'000 Hektaren gesunken. Josef Meyer, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Zuckerrübenpflanzer (SVZ), rechnet nächstes Jahr mit 3'000 bis 4'000 Hektaren weniger Rüben, wenn nicht gehandelt wird. Noch kleinere Anbauflächen wären eine Bedrohung für die beiden Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld und damit die Schweizer Zuckerproduktion.

Notfallzulassung gefordert

Um dies zu verhindern fordert der SVZ eine auf drei Jahre beschränkte Notfallzulassung für «Gaucho». Ein entsprechender Antrag beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) ist eingereicht worden. Das soll auch gleich lange Spiesse mit den EU-Staaten bringen. «Bis auf Italien haben mittlerweile alle EU-Staaten wieder neonicotinoidhaltige Mittel zugelassen, teils als Beizmittel, teils als Spritzmittel», sagte Josef Meyer anlässlich einer Medienkonferenz im Berner Seeland.

Verboten wurden Neonicotinoide wegen ihrer Gefährlichkeit für Bienen und andere Bestäuber. «Neonicotinoide wurden wegen ihrer guten Wirkung auf immer mehr Kulturpflanzen, leider auch auf blühenden Kulturen, eingesetzt», sagt Meyer. Zuckerrübenfelder hingegen sind keine für Bienen und andere Bestäuber attraktive Kultur, denn die Rüben blühen nicht. Zudem sei eine Saatgutbeizung schonender, sagt Rübenpflanzer Joël Rösch aus Hermrigen BE. «Seit die Gauchobeizung verboten wurde, müssen wir regelmässig Flächenbehandlungen mit Insektizid durchführen. Eine solche Behandlung dezimiert auch sämtliche Nützlinge», so Rösch. Ausserdem vermochten die Behandlungen mit dem einzigen noch erlaubten Mittel die Viröse Vergilbung nicht zu stoppen.

Milder Winter fördert Virus

Die Viröse Vergilbung ist weltweit verbreitet und die wirtschaftlich bedeutendste Krankheit bei den Zuckerrüben. Das BYV (Beet Yellow Virus) genannte Virus wird von Blattläusen beim Saugen übertragen. In der Schweiz sei vor allem die grüne Blattlaus ein Problem, sagt Samuel Jenni von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau. Dieser sei mit Nützlingen schwerer beizukommen als etwa der schwarzen Blattlaus. Weil der letzte Winter mild war, ermöglichte er den Blattläusen eine Lebendüberwinterung. Deshalb gab es die ersten Symptome für die Viröse Vergilbung in der Schweiz dieses Jahr bereits am 8. Juni im Chablais, so früh wie noch nie. In den westlichen Anbaugebieten dürften zwischen 80 und 90 Prozent der Felder befallen sein. Noch weniger verbreitet aber ebenfalls vorhanden ist das Virus östlich von Bern.


Träte die Notfallzulassung in Kraft, soll die Zeit genutzt werden. «Schon nächstes Jahr werden wir die ersten Feldversuche mit resistenten Sorten starten», erklärt Josef Meyer. Auch alternative Mittel und biologische Bekämpfungsarten sowie Nützlingsstreifen sollen getestet werden.

Eine Aufgabe der Zuckerrübenproduktion ist für die Branche keine Option. «Es besteht die Gefahr, dass die Lücke durch Zucker geschlossen wird, der im Ausland mit Hilfe dieser in der Schweiz nicht mehr zugelassenen Wirkstoffen hergestellt wurde», sagt Martin Rufer, Direktor des Schweizer Bauernverbandes (SBV). Eine solche «Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Politik», sei nicht zielführend. Die Gesamtumweltbilanz verschlechtere sich sogar, weil Schweizer Zucker grundsätzlich nachhaltiger produziert sei als Importzucker.

Syndrome Basses Richesses

Eine neuere Krankheit bei den Zuckerrüben ist das «Syndrome Basses Richesses (SBR)». Es wird durch Bakterien ausgelöst, die von der Schilf-Glasflügelzikade übertragen werden. In der Schweiz ist die Krankheit erstmals 2017 aufgetreten und verbreitet sich seither. Die Folge von SBR sind tiefe Zuckergehalte in den Rüben. Es habe sich gezeigt, dass man das SBR mit toleranten Sorten einigermassen im Griff habe, sagt Samuel Jenni von der Fachstelle für Zuckerrübenbau. Diese Sorten sind jedoch nur gegen SBR tolerant, gegen die Viröse Vergilbung sind sie machtlos.

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