6.02.2020 13:13
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Bern
Pestizid-Abbauprodukt: 50 Gemeinden betroffen
In mehr bernischen Wasserfassungen als angenommen wird der Grenzwert der Rückstände von Chlorothalonil überschritten. Davon ist bei über 50 Gemeinden der Wert im Trinkwasser zu hoch.

Das wahrscheinlich krebserregenden Pflanzenschutzmittel ist seit Dezember verboten, denn seit Januar gilt für dessen Abbauprodukte ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter.

54 Anlagen betroffen

Nun zeigt sich: Im Kanton Bern sind viel mehr Gemeinden von verunreinigtem Trinkwasser betroffen als bisher angenommen. Das zeigt eine Liste der betroffenen bernischen Trinkwasserdepots, welche die «Berner Zeitung» veröffentlicht hat. Der Kanton veröffentlichte die Daten heute Dienstag aufgrund des Öffentlichkeitsprinzips und «anerkennt damit die Bedeutung der Thematik für die bernische Bevölkerung», wie es auf der Website des Kantons heisst.

Ursprünglich war von drei betroffenen Fassungen im gesamten Kanton die Rede, später waren es sieben. Gemäss der kantonalen Liste wurden nun in 36 Berner Grundwasser-und Quellfassungen Überschreitungen der Höchstwerte festgestellt. Doch das sind immer noch nicht alle. Laut weiteren Wasserversorgern sind noch weitere 18 Anlagen betroffen, wie die «Berner Zeitung» schreibt. Demnach konsumieren über 178'000 Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Bern regelmässig Wasser, welches den lebensmittelrechtlichen Bestimmungen nicht genügt.

Der Wirkstoff Chlorothalonil wird in der Landwirtschaft seit den Siebzigerjahren etwa beim Anbau von Kartoffeln, Getreide und Gemüse angewendet. Abbauprodukte können ins Grundwasser und somit auch ins Trinkwasser gelangen. Im Jahr 2017 wurden laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) insgesamt 2025 Tonnen Pestizide eingesetzt. Davon enthielten 2,22 Prozent respektive 45 Tonnen den Wirkstoff Chlorothalonil.

Niederönz mit höchstem Wert

Die veröffentlichten Werte zeigen, dass im vergangenen Jahr im Kanton Bern 37 Überschreitungen des Grenzwerts von 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser registriert wurden. Dies vor allem im Seeland und im Oberaargau. Zu hoch waren die Werte auch in einzelnen Gebieten in der Region Bern-Mittelland, dem Gürbetal und dem Unteren Emmental, wie die kantonale Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion in einer Mitteilung schreibt.

Am meisten belastet war eine Trinkwasserprobe, welche im Oktober im Pumpwerk Niederönz des «Gemeindeverbands Wasserversorgung an der unteren Oenz» entnommen wurde. Sie ergab einen Wert von 1,6 Mikrogramm des Chlorothalonil-Abbauprodukts R471811 pro Liter Trinkwasser.

Beim Informationsverhalten von behördlicher Seite fehlte es bisher an Transparenz. Wer sich bisher bei seiner Gemeinde über die Qualität des Trinkwassers informieren wollte, erhielt oft wenig bis gar keine Angaben, wie eine «Bund»-Recherche zeigte. Auf den Websites von Gemeinden fanden sich veraltete Informationen vom letzten Jahr.

Grenzwert extrem tief

Der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter sei extrem tief, erklärte der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin kürzlich gegenüber der Zeitung «Der Bund». «Bis vor kurzem liessen sich tiefere Werte gar nicht messen.» Zudem brauche es in der Regel eine gewisse Menge, bis eine Substanz toxisch, also giftig sei. 

Er machte ein Beispiel: «Alkohol ist ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht. Wenn Sie ein Glas Whisky mit 40 Prozent Alkohol trinken, nehmen Sie eine ungleich grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter Wasser trinken.» Für Chlorothalonil gilt eine lebenslängliche Tagesdosis von 15 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich. Um diese Dosis zu erreichen, müsste man also 150 Liter Wasser pro Kilo Körpergewicht trinken, sofern der Grenzwert eingehalten wird.

Auch unbelastetes Wasser kann gefährlich sein: Trinkt man innert kurzer Zeit sieben oder mehr Liter Wasser, so kann dies lebensbedrohlich werden. Trotzdem sei er «dezidiert» der Meinung, dass die Chlorothalonil-Abbauprodukte nicht ins Wasser gehörten, sagt Deflorin. «Dass Chlorothalonil nun verboten ist, ist eine grosse Errungenschaft der Behörden.»


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