1.06.2020 17:45
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Ackerbau
Aztekisches Wunder aus St.Gallen
Es war unmöglich, dass es gelingen würde. Trotzdem entschied Christoph Gämperli aus Flawil SG, das sogenannte Superfood Chia anzubauen. Es hat funktioniert. Jetzt profitieren sechs Landwirte von dieser Nischenkultur.

«Das geht wohl nicht», denkt er. Sorgfältig geht er durch ein  Feld voller grüner Pflanzen, am Himmel steht die Sommersonne. Den Kopf lässt er hängen. Christoph Gämperli, Geschäftsführer der Genossenschaft St. Gallische Saatzucht in Flawil SG, weiss, dass es eher nicht funktionieren würde mit dem Chia-Anbau in der Schweiz. Er hoffte aber auf ein Wunder und geht sorgfältig weiter.

Für Schweiz eigentlich ungeeignet

«Wir von der St. Gallischen Saatzucht  sind ständig auf der Suche nach Nischenprodukten. Gerade Pflanzen, die sich zu Öl verarbeiten lassen, interessieren uns.» So sind sie auf die Idee gekommen, es mit der Chiapflanze aus Mittelamerika zu versuchen. «Schon die Azteken haben die Samen vielseitig eingesetzt und sie enthalten gehaltvolles Öl.»

Das erzählt Gämperli nun, fünf Jahre nach dem Streifzug durch sein Feld. «Wir wussten, dass sich Chia eigentlich nicht eignet für den Anbau in der Schweiz. Sie blüht nur, wenn die Tage kurz sind. Bei uns also im Frühling oder Herbst. Man müsste Chia also im Herbst aussäen können, damit er dann im Frühling blüht. Das überlebt er aber nicht, weil er nicht frosttolerant ist. Wenn man ihn im Frühjahr aussät, blüht er erst im Herbst und kann somit keine erntereifen Samen bilden», erklärt Gämperli.

Chiasamen

Chia wird als Superfood bezeichnet. Unter anderem, weil es einen hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren aufweist. Das sind ungesättigte Fettsäuren, die als sehr gesund gelten und beim Erhitzen nicht zerstört werden. Zudem enthalten Chiasamen Eiweiss, Ballaststoffe und Mineralien. Botanisch ist Chia (Salvia hispanica) ein einjähriger Salbei aus Zentralamerika.  Beim Chiasamen fällt das enorme Quellvermögen  auf. Er eignet sich deshalb als Beilage in Müesli oder zu Früchten. Das Mehl aus Chiasamen bindet sehr gut. Chiasamen sind glutenfrei. Das Öl ist mild im Geschmack und eignet sich als Zusatz in Salatsaucen oder Müesli. 


Paar Millionen Samen

Trotzdem kaufte die St. Gallische Saatzucht ein paar Millionen Samen aus Lateinamerika und säte sie im Frühling aus. «Ich wusste, dass es in der Natur unter einer Million Exemplaren immer ein Individuum gibt, das sich anders verhält. In diesem Fall eine Chiapflanze, die schon im Sommer blüht.»

So war es. Es war Mitte Juli vor fünf Jahren. Da erblickte Gämperli auf einem Streifzug durch das grüne Feld sie schliesslich. Sein Herz hüpfte. Unter den vielen Blättern leuchtete eine zarte blaue Blüte hervor. In dem Moment war Gämperli klar: Es könnte funktionieren. Und tatsächlich. Wie sich zeigte, war die frühe Blust der einen Pflanze genetisch bedingt.

Arbeit mit Produzenten

1,5 Hektaren davon gehören Werner Iten. Er und seine Familie führen in Flawil SG einen Milchwirtschaftsbetrieb. Er hat bereits öfter Saatzuchtversuche durchgeführt, zum Beispiel mit Leindotter. Deshalb lag es nahe, dass er es auch mit Chia versuchen würde. «Der Ackerbau macht nur einen kleinen Teil unseres 34-Hektaren-Betriebs aus. Spezielle Kulturen sind deshalb etwas Spannendes für uns. Zudem wecken sie das Interesse der Konsumenten», erzählt Iten. Tatsächlich haben die Chia-Pflanzen die Aufmerksamkeit vieler Spaziergänger auf sich gezogen. Zunächst war es aber noch ein Geheimnis, was da wächst.

«Wir wollten nicht, dass sich der Anbau herumspricht, solange  wir nicht wussten, ob es langfristig funktioniert», sagt Gämperli. Er habe deshalb mit den sechs Landwirten, die Chia anbauen, abgemacht, dass sie auf Fragen antworteten, das sei Salbei. «Das war nicht gelogen,» sagt Gämperli. Der botanische Name von Chia ist Salvia Hispanica, Spanische Salbei. Mittlerweile darf Iten den Spaziergängern aber Auskunft geben. Viele kennen die Pflanze nicht. Auch für  Iten selbst war es zuerst etwas Neues. Mittlerweile esse er das Chiaöl, das die St. Gallische Saatzucht seit dem vergangenen Juni verkauft, im Müesli und es schmecke ihm.

Argument Superfood

Anders als Iten essen viele Konsumentinnen und Konsumenten Chia aber nicht primär, weil es ihnen schmeckt. Chia-Samen und ihr Öl gelten gemeinhin als besonders gesund und werden als Superfood vermarktet (siehe Kasten). Das war auch ein Argument, warum Gämperli diese Samen ins Sortiment aufnehmen wollte. Offensichtlich hatte er damit einen guten Riecher.

Als das Öl im letzten Juni auf den Markt kam, haben es die Coop-Filialen der  Ostschweiz sofort ins Sortiment ihrer Linie «Miini Region» aufgenommen. Mittlerweile sind Öl und Mehl aus Chia-Samen auch in fast jeder Landi-Filiale und bei anderen Detaillisten in der Ostschweiz zu kaufen, ebenso wie über den Online-Shop der Saatzuchtgenossenschaft. Da nun der Sortenschutz der Samen abgeschlossen ist und Swisschia als eigene Sorte anerkannt ist, will die Saatzuchtgenossenschaft ab nächstem Jahr auch das Saatgut absetzen.

«Es ist und bleibt ein Nischenprodukt. Wenn wir eine grössere Kundschaft wollen, können wir nicht regional bleiben. Wir müssen uns europaweit etablieren. Die Sortenrechte von  Swisschia gehören aber weiterhin uns», so Gämperli. Es steckt nämlich sehr viel Arbeit und Know-how dahinter.

Herausforderung Ernte

Neben dem Anbau stellte auch die Ernte eine grosse Herausforderung dar. Auch  Landwirt Werner Iten sagt,  der ganze Prozess habe Geduld gebraucht.  «Zum Glück waren wir mehrere  Produzenten. Wir haben uns ausgetauscht und konnten von den Erfahrungen der  anderen profitieren.» So fanden sie schliesslich, nachdem sie 13 verschiedene Mähwerke ausprobiert hatten, wie sie bei der Ernte am besten vorgehen müssen.

Und es hat sich gelohnt. Die Mitglieder der St. Gallischen Saatzucht profitieren von solchen Produkten. «Bei allen Nischen, die wir anbauen, ist die höhere Wertschöpfung für unsere Mitglieder das A und O», sagt Gämperli.  Die Genossenschaft mache zuerst mit den Landwirten einen Preis aus. Wenn der Markt nicht bereit sei, den  zu zahlen, sei die Nische halt kein Erfolg. Die Genossenschaft trägt das Risiko, nicht die Produzenten.

Energie und Glück

Weil die St. Gallische Saatzucht die Rohstoffe veredle und beispielsweise als kaltgepresste Öle verkaufe, sei die Bereitschaft der Kundschaft aber gross, höhere Preise zu bezahlen. Bei Chia funktioniere es jedenfalls. Und die Bauern bekommen laut Gämperli 4 Franken für ein Kilo Chiasamen. Die Kosten für das Saatgut, die Ernte, die Trocknung und Aufbereitung übernimmt dabei die Saatzuchtgenossenschaft.

Aber nicht nur die Wertschöpfung macht Landwirt Iten Freude, sondern auch Reaktionen der Kundschaft: «Für die konventionellen landwirtschaftlichen Produkte wie Milch und Fleisch erfährt man als Bauer manchmal nicht so viel Wertschätzung. Bei solch speziellen Kulturen hingegen schon.»

Auch Gämperli ist erfreut. «Wenn etwas zu funktionieren scheint wie das mit Chia, gibt das unglaubliche Energieschübe und ein grosses Glücksgefühl», sagt er.

Die Genossenschaft

St. Gallische Saatzucht wurde vor 101 Jahren gegründet. Sie vereint heute 70 Bauernfamilien und weitere bäuerliche Produzenten aus der Region St. Gallen. Sie hat sich auf den Anbau von Nischenkulturen, deren Veredelung und Vermarktung spezialisiert. Die  Geschäftsfelder sind: einheimische kaltgepresste Öle (st.galleroel.ch), blaufleischige Kartoffeln (Blaue St. Galler), Pro-Specie-Rara-Kartoffelsorten, Grassamenvermehrung

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