6.11.2019 09:23
Quelle: schweizerbauer.ch - Therese Krähenbühl
Wahlen
Grüne Exotin, die Brücken baut
Christine Badertscher wurde am 20. Oktober für die Grünen in den Nationalrat gewählt. Im Interview erzählt sie, wie sie sich künftig für die Landwirtschaft einsetzen und eine gute Balance finden will.

Sie entschuldige sich für die Verspätung, betont Christine Badertscher, als sie mit etwas Verspätung zum Interview ins «Fédéral» direkt gegenüber vom Bundeshaus erscheint, sie sei seit den Wahlen etwas im Schuss.

Praxis statt Theorie

Es ist ein passender Treffpunkt für ein Interview mit einer frisch gewählten Nationalrätin. «Logisch wünscht man sich, dass man gewählt wird, sonst kandidiert man gar nicht», sagt die Politikerin aus Madiswil BE. Aber wirklich mit der Wahl gerechnet habe sie dann doch nicht. So langsam beginne sie es nun zu realisieren. Der studierten Umweltingenieurin und Agronomin, Bauerntochter, ehemaligen Bauernverbandsmitarbeiterin und Fachfrau für Ernährungssicherheit bei Swissaid sind die Landwirtschaft und die Umwelt wichtige Anliegen.

Als Mitglied der Grünen und als Frau schien sie bei diesen Wahlen die besten Voraussetzungen zu haben. «Sicher repräsentiert der Ausgang der Wahlen am Sonntag auch den Zeitgeist», bestätigt Badertscher. «Anderseits sehe ich mich selber innerhalb der Grünen Partei etwas als eine Exotin. Da ich selber die Landwirtschaft nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch kenne, sehe ich manche Dinge anders als meine Parteikollegen. Ich werde in der Agrarpolitik innerhalb der Fraktion sicher die sein, die am ehesten ausschert.»

Nähe als Chance

Gerade ihre Nähe zur Landwirtschaft sehe sie als grosse Chance. «Die Bauern sagen oft zu mir, dass ich denen aus der Stadt sagen müsse, wie die Realität auf dem Land aussehe. Eben auch, weil sie wissen, dass ich ihr Umfeld kenne und selber als Bauerntochter auf einem Biohof aufgewachsen bin.» Es sei wichtig zu erklären, warum es für Bauern schwierig werde, wenn man zum Beispiel bestimmte Wirkstoffe verbiete, weil sie dann gewisse Sachen gar nicht mehr produzieren können und weil diese dann importiert würden.

«In diesen Bereichen sehe ich mich selber als Brückenbauerin und hoffe, dass ich den Ansprüchen von aussen auch gerecht werden kann. Einerseits möchte ich Brücken zwischen den Parteien bauen, anderseits auch zwischen Stadt und Land.» Während des Interviews im Herzen der Stadt Bern wird Badertscher dann auch immer wieder von Passanten angesprochen, die ihr zu ihrer Wahl gratulieren. 

Grenzschutz ist wichtig

Nur positives Echo für die neue Nationalrätin also? Sie höre auch Kritik dafür, dass die Grünen bei den Wahlen zugelegt hätten. «Manchmal nervt mich das. Denn das grösste Problem für die Schweizer Landwirtschaft ist, dass die Produktionskosten in der Schweiz hoch und die Grenzen so nahe sind. Alles, was aus dem Ausland kommt, ist billiger – egal, ob es biologisch produziert wurde oder nicht. Und das macht es sehr schwierig für die Landwirtschaft. Die Forderungen der Grünen betreffend Umwelt sind umsetzbar. Wenn hingegen die GLP und die FDP den Grenzschutz aufheben wollen, haben wir dann wirklich ein grösseres Problem.»

Das sei zum Beispiel auch im saisonalen Gemüsebau, der aktuell noch vom Grenzschutz profitiere, zu sehen. «Fällt dieser weg, ist das für die Produzenten verheerend», ist die Politikerin überzeugt. Grundsätzlich sei es ihr wichtig, Realitäten aufzuzeigen und dass diese von allen Seiten her anerkannt würden. «Ich stehe selber überzeugt für die Biolandwirtschaft ein. Und im Moment braucht es beispielsweise viel Biogetreide. Dieses ist aber aus Schweizer Produktion zum Teil zu teuer, und darum wird von den Grossverteilern Biogetreide aus dem Ausland importiert. Wenn ich das dann in gewissen Kreisen erzähle, blicke ich in staunende Gesichter, weil das vielen Menschen gar nicht bewusst ist. Für mich entsteht daraus die Forderung, dass man bei der Landwirtschaft beim Konsum ansetzen und vor allem den Konsum von Schweizer Bioprodukten fördern muss.»

Breite Unterstützung

So sei aber auch der Klimawandel eine Realität, die ebenfalls anerkannt werden müsse. «In so vielen politischen Belangen käme man weiter, wenn man sich die Dinge ehrlich eingestehen und dann zusammen nach Lösungen suchen könnte. Das wäre im Interesse von allen und besonders auch von den Bauern.»

Christine Badertscher wurde bei ihrer Kandidatur offiziell vom Berner Bauernverband (BeBV), vom Verband Bernischer Landfrauenvereine (VBL) und vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) unterstützt. Letzterer hatte sich mit einer speziellen Kampagne zur Förderung der Frauen für deren politisches Engagement starkgemacht. «Die Kampagne des SBLV hat den Frauen sicher geholfen. Ich finde es aber schön, dass sie sehr positiv daherkam und dass es in erster Linie darum ging, Frauen zu ermutigen und nicht die Geschlechter gegeneinander auszuspielen. Grundsätzlich bin ich allen Menschen von Herzen dankbar, die mich bei der Wahl unterstützt haben.» 

Gute Balance finden

Christine Badertscher ist nicht nur Vorstandsmitglied des Berner Bauernverbands und Mitglied der Agrarpolitischen Kommission des SBLV, sondern sie hat sich seinerzeit beim Bauernverband ihre Sporen abverdient. «Die Zeit beim Bauernverband war meine prägendste Zeit. Dort habe ich gelernt, dass man mit Leuten und Meinungen aus verschiedenen Ecken zurechtkommen muss und kann. Das möchte ich auch in der Politik umsetzen», betont Christine Badertscher. Und sie wünsche sich, dass sie eine gute Balance zwischen Politik, ihren vielen weiteren Ämtern und Mandaten und dem Privatleben finden werde. «Es ist schnell geschehen, dass man gerade das Private und die Familie über dem Ganzen vergisst.» 

Ein Kaffee zur Wahl

Und dann geht es für Christine Badertscher auch schon weiter. Unzählige unbeantwortete Gratulationsnachrichten warten noch auf sie. Als sie nach der Rechnung verlangt, wird ihr erklärt, dass diese schon bezahlt worden sei. «Als Gratulation für die neue Nationalrätin.»

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