11.08.2020 09:20
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Agrarpolitik
Ritter zerfleischt Agrarpolitik
Der Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes, Markus Ritter (CVP/SG), hat die Agrarpolitik des Bundes stark kritisiert. «Der Bundesrat will uns Bauern ein trojanisches Pferd schenken», mahnte der Nationalrat und Biolandwirt in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» vom Dienstag.

«Dieses Geschenk mit seinem gefährlichen Inhalt dürfen wir nicht gutgläubig annehmen», betonte er. «Mich stört gewaltig, dass uns Landwirten im Inland immer noch mehr Vorschriften gemacht werden. Aber beim importierten Rindfleisch und Poulet schaut man in Bern einfach weg», erklärte Ritter.

Blockade bei Mercosur-Abkommen

Der Bund versuche, Standards zur Nachhaltigkeit in Freihandelsverträge aufzunehmen. Im Bericht zur Agrarreform stehe aber klar, dass Standards bei den Importen unmöglich seien. Da könne es nur einen 'Dialog' geben. «Wenn das Parlament uns Bauern so viele Vorschriften macht, wie die Agrarreform das vorsieht, kann ich den Freihandelsvertrag nicht akzeptieren. Dann werde ich Mercosur bekämpfen. Und zwar vehement», kündigte Ritter an.

Die Landwirtschaft habe nunmehr zwei Optionen: «Entweder wir bekommen mit den Stimmen des Freisinns eine wirtschaftsnahe Landwirtschaftspolitik, die beim Freihandel Möglichkeiten lässt. Oder wir nähern uns den Grünen an und machen beim Freihandel die Tür zu», sagte er weiter. Die Grünen seien da wenigstens konsequent, denn sie setzten die Latte für Schweizer Bauern hoch, aber sie forderten auch die gleichen Auflagen für importierte Produkte, erklärte Ritter diesbezüglich.

Die Agrarpolitik 2022+ wird vom Bauernverband zurückgewiesen. «Die Landwirtschaft löst im Durchschnitt 80 Prozent der Einnahmen aus Produkten. Mit der Reform werden die Einkommen der Bauern um 8 Prozent sinken. Das können wir doch niemals akzeptieren», so Ritter unmissverständlich.

Weniger Selbstversorgung und mehr Bürokratie

Der Bauernverbandspräsident ist obendrein etwa mit dem Weg bei der Selbstversorgung der Schweiz unzufrieden. Es ist von Agrarminister Guy Parmelin enttäuscht. «Uns Bauern wurde vor drei Jahren im Parlament versprochen, dass die Schweiz den Grad der Selbstversorgung erhält, auch in Zukunft. Jetzt sagt der Bundesrat: Vergesst die Produktion - wir importieren mehr Essen», kritisierte er. Die Regierung könne direkt sagen, dass sie die Bauern nicht mehr wolle, so Ritter.

Gleichzeitig beklagte Ritter in dem Interview die steigende Bürokratie für die Landwirtschaft. «Die Agrarbürokratie überbordet in der Tat - und sie nimmt mit der Reform noch massiv zu», warnte er. Als Beispiel nennt Ritter die Beiträge für Landschaftsqualität. «Ein Riesenaufwand. Ich habe die Administration mit dem Junior zusammen gemacht. Wir mussten messen, wie viel Umfang unsere Bäume haben. Wie lang unsere Holzzäune sind. Wie lang die Trockenmauern sind. Wir waren vier Stunden nur am Messen» erklärte er.

Jeder Betrieb müsse mit solchem Aufwand den ökologischen Leistungsnachweis erfüllen, hiess es zudem. Daher wäre Ritter schon froh, wenn es für Schweizer Landwirte nicht noch mehr Bürokratie gebe, betonte er gegenüber der «NZZ».

Acht Millionen Meinungen zur Landwirtschaft

Auch zu den anstehenden Initiativen und zur der Kritik aus Umweltkreisen nimmt der Bauernverbandspräsident Stellung. «Gegenwärtig hören wir viele bionahe Stimmen, aber an der Ladentheke verharrt Bio bei 12 Prozent vom Gesamtumsatz. Ich bin Biobauer. Ich stehe ein für den Einklang von Produktion und Ökologie. Doch die Landwirtschaft müsse die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Konsumenten als Ganzes abbilden», stellt er klar.

Der Trinkwasser-Initiative und der Pestizid-Verbots-Initiative erteilt er eine klare Absage. Diese seien zu radikal und nicht mehrheitsfähig. Und Ritter zieht einen Vergleich zum Fussball und zur Nationalmannschaft und deren Trainer. Auch hier divergieren die Meinungen stark. «In der Schweiz gibt es acht Millionen Meinungen zur Landwirtschaft, so viele, wie Menschen in der Schweiz leben. Und viele haben das Gefühl, sie wüssten es noch ein wenig besser als die Bauern», so Ritter. Die Bauern wüssten nicht immer alles. «Aber es könnte ja sein, dass wir auch einmal recht haben», fährt er fort.

Ziel: wirtschaftlicher Erfolg 

Für Markus Ritter ist aber auch klar, dass sich die Landwirtschaft mehr auf den Markt ausrichtet. Mit den Produkten muss Wertschöpfung generiert werden. Das setzt für Ritter voraus, dass die Bauern einen fairen Anteil am Konsumentenfranken erhalten. «Ich sage allen Bauern: Analysiert eure Betriebe. Macht nicht das, was der Nachbar macht, sondern das, was zu eurem Land passt und zu euren Fähigkeiten», sagt er gegenüber der «NZZ».

Landwirtschaft sei kein Hobby, sondern Teil der Wirtschaft. Deshalb müsse das Ziel der wirtschaftliche Erfolg lauten. Diese Zielsetzung könnten auch kleinere Betriebe erreichen. Dazu brauche es vielleicht einen Nebenerwerb. «Das ist aber nicht falsch», so Ritter.

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