15.11.2019 06:12
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Markt
Konsument oder Detailhandel?
Die Konferenz "Brennpunkt Nahrung" fand vergangene Woche zum Thema „Konsumenten“ statt. Eine Frage wurde stark diskutiert: Was war zuerst da – das Angebot des Detailhandels oder die Nachfrage der Konsumenten?

Christian Consoni, Leiter Division Lebensmittelindustrie der Fenaco Genossenschaft, zeigte auf wie sich der Konzern den Wünschen der Konsumenten anpasst: "Wir haben 12 verschiedene Labels beim Apfelsaft, das heisst 12 verschiedene Produktionstanks, wo die Äpfel gepresst werden, ergo 12 verschiedene Audits", sagte er und fügte mit einem Schmunzeln an, "und zwischendurch produzieren wir."

Er erzählte von utopischen Konsumentenwünschen ("der Konsument will ein natürliches Produkt mit vollem Geschmack und 0% Zucker. Aber: ein Apfel enthält nun mal Zucker!") und wie der Handel ein Gatekeeper sei, der auch viel mitbestimmen könne. "Wir bringen die Innovationen. Ob sie funktionieren, entscheidet am Schluss der Konsument.".

Der Leiter Backwaren der M-Industrie, Otmar Hofer, setzt derweil auf "Low-Tech-Produkte aus High Tech Knowhow". Die in den Migros-Filialen eingerichteten Hausbäckereien sollen für eine Inszenierung des Handwerks sorgen. Obwohl Migros wie andere Detailhändler auf bake-off (vorgefertigte Teiglinge, die in der Filiale aufgebacken werden), setzt  stehe Genuss an oberster Stelle. Denn "der Konsument lässt sich nicht täuschen", zeigte sich Hofer überzeugt.

Die Mehrheit der Konsumenten lässt sich anstupsen

Ist der nachhaltige Konsument Wunsch oder Wirklichkeit? Gerhard Fehr, Verhaltensökonom und CEO bei Fehr Advice, zeigte das Konzept des "nudging" auf. 56% der Menschen seien unentschlossen und können in ihrem Kaufentscheid beeinflusst werden. Ohne Produkte aus dem Sortiment zu nehmen oder noch mehr Informationen für die Kunden bereitzustellen, können die unentschlossenen Kunden also durch "nudges" (Stupser) in die gewünschte Richtung bewegt werden. Diese Stupser sollen intuitiv, einfach und freiwillig sein.

Beispielsweise könnten klimafreundliche Menüs auf dem Speiseplan besonders hervorgeheben werden oder Würste könnten neben der verkauften 150g-Einheit auch zu 100g und 125g angeboten werden, um Food Waste zu vermeiden. Fehr betonte, dass das ursprüngliche Produkt keinesfalls dem Kunden weggenommen werden soll. "Der Konsument will nicht bevormundet werden. Geben Sie ihm die Wahl!", rief er auf.

Flipperspiel oder klassisches Kegeln?

Jörg Reuter, Strategieberater Grüneköpfe, zeigte sich überzeugt davon, dass klassische Werbung tot ist. "Früher war Marketing wie Kegeln: mit einem gezielten Schuss möglichst viele Kunden erreichen. Modernes Marketing hingegen ist eher wie ein Flipperspiel: Man muss dastehen und immer wieder klickern, also dem Kunden zeigen, dass man da ist." 

Die Beziehung zwischen den Akteuren entlang der Lebensmittelkette ist kompliziert. Sind Konsumenten dem Angebot ausgeliefert? Oder sind sie es, die bestimmen, was angeboten wird? Vertreter aus Konsumentenschutz, Trendforschung, Detailhandel und Produktion stellten ihre Arbeit vor und diskutierten zu Fragen aus dem Publikum.

Wer im Laden die Wahl hat, hat die Qual

"Wir haben heute ein Überangebot, das heisst der Konsument befindet sich im Dilemma zwischen Werten und Wünschen", sagte Trendforscherin Mirjam Hauser. Das überfordere die Konsumenten. So könne es sein, dass schlussendlich eine grosse Diskrepanz herrsche zwischen den Wertvorstellungen der Konsumenten und ihren effektiven Kaufentscheiden. Beispielsweise im Bereich Plastikverpackungen, wo der Konsument zwar nicht viel Abfall produzieren will, gleichzeitig aber hungrig auf dem Weg ins Büro ein Imbiss kauft, der stark verpackt ist.

Für Mark Buckley, UN-Botschafter für nachhaltige Entwicklungsziele, ist deshalb klar: "Der Konsument soll sich nicht zwischen einem nachhaltigen und einem nicht nachhaltigen Produkt entscheiden müssen. Dafür hat er sowieso keine Zeit.". Die Westschweizer Konsumentenschützerin Sophie Michaud Gigon wünscht sich Ökobilanzen für jedes Produkt, sagt aber gleichzeitig, dass die Umsetzung unheimlich aufwendig und teuer wäre.

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