28.03.2020 06:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Ein Corona-Patient erzählt
«Zuerst war es nur wie eine Grippe, dann»
Landwirt Benjamin Affolter aus Leuzigen BE hat sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt und den Krankheitsverlauf durchgemacht. Er warnt davor, das Virus auf die leichte Schulter zu nehmen.

«Schweizer Bauer»: Wie haben Sie bemerkt, dass Sie Corona haben könnten?
Benjamin Affolter: Vor zwei Wochen habe ich Gliederschmerzen und Fieber bekommen. Dann fing ich auch an zu husten. Nach zwei Tagen habe ich das Gefühl gehabt, es wäre besser, das Ganze mit dem Hausarzt abzuklären, vor allem, weil ich in der Schulkommission bin und befürchtete, viele Leute anzustecken. Ich bin zum Arzt, weil überall vom Coronavirus gesprochen wird und das Thema so aktuell ist. Unter normalen Umständen wäre ich mit den anfänglichen Symptomen nicht zum Arzt gegangen. Beim Arzt wurde ein Coronatest gemacht, nach einem Tag kam das Ergebnis. Positiv.

Die Symptome werden mit den Symptomen einer Grippe gleichgesetzt, was können Sie dazu sagen?
Am Anfang ist der Verlauf tatsächlich gleich wie bei einer Grippe. Zum Fieber und den Gliederschmerzen ist dann aber Husten und ein Druck auf die Lunge dazu gekommen. 

Wie ist die Krankheit bei Ihnen verlaufen?
Relativ mild. Zehn Tage nach den ersten Symptomen ging es mir aber auf einmal wieder schlechter. Ich war sehr müde und hatte keine Energie. Als würde die Krankheit in einer zweiten Welle wiederkommen. 

Wie fühlen Sie sich jetzt? 
Zu neunzig Prozent gesund. Mein Leistungsvermögen ist noch nicht voll zurück und ich fühle mich auch noch etwas schlapp. Vor allem der Husten machte und macht mir zu schaffen.  Im Moment passe ich auf, um mir bei der Bise und dem kalten Wetter nicht eine Erkältung einzufangen, weil mein Immunsystem sicher noch geschwächt ist.

Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?
Ich war vor drei Wochen ein Wochenende in Saas-Fee am Skifahren, ich glaube, ich habe mich dort angesteckt, etwas anderes kommt mir nicht in den Sinn. Wie genau und von wem kann ich mir aber nicht erklären.

Wie ging es Ihnen nach der Diagnose?
Wenn man die Bilder aus den Spitälern aus Italien sieht und man selber diesen Druck auf den Lungen hat und weiss, dass man nichts machen kann, dass es kein Medikament dagegen gibt, dann hat man schon Bedenken. 

Was ist nach dem positiven Test passiert?
Ich habe alle Leute kontaktiert, zu denen ich in den letzten sieben Tagen Kontakt hatte. Sie liessen sich beim Arzt testen. Ausserdem erhielt ich die Anweisung, gemeinsam mit meiner Familie während 14 Tagen zu Hause zu bleiben und nicht unter Leute zu gehen. Mein Hausarzt hat sich regelmässig nach dem Gesundheitsstand erkundigt und ein fiebersenkendes Medikament verschrieben.

Haben Sie selbst auch Leute angesteckt?
Ja. Noch bevor ich Symptome hatte und wusste, dass ich Corona habe, bin ich mit drei Berufskollegen in einem Bürocontainer zusammengesessen, um eine Sammelbestellung zu machen. Einer von ihnen ging ab und zu aus dem Container, und ging auch zehn Minuten eher nach Hause. Er hat sich nicht angesteckt, die anderen beiden schon. Auch mein Mitarbeiter und meine Mutter wurden positiv getestet. Meine drei Kinder wurden sofort nach dem Befund ausquartiert (Patchwork, gingen zur Mutter) und sind negativ getestet. Meine Partnerin hat die gleichen Symptome wie ich und lebt mit mir zusammen, ihr Test fiel aber negativ aus – das können wir uns immer noch nicht erklären.

Wie geht es den angesteckten Personen?
Sie sprechen alle von einem ähnlichen Verlauf der Krankheit wie bei mir. Nur meine Mutter hat mehr zu kämpfen. Sie hat jetzt leider im späteren Verlauf der Krankheit eine leichte Lungenentzündung entwickelt und wird zu Hause mit Antibiotika behandelt.

Wie haben Sie während der Quarantäne Ihren Betrieb organisiert?
Da ich meinen Mitarbeiter und die Berufskollegen, mit denen ich häufig zusammenarbeite, angesteckt habe, musste ich trotzdem selber zu den Tieren schauen. Ich habe die Arbeiten in den ersten Tagen aber auf das Nötigste beschränkt, weil mir die Krankheit zu schaffen machte. Da ich einen Mastbetrieb habe und nicht viele Leute zum Betrieb kommen, kann ich die Regelung mit dem Abstandhalten gut umsetzen.  Ich hatte natürlich ein Verbot, irgendwo hinzufahren, um beispielsweise Hilfsstoffe (Dünger, Spritzmittel etc.) einzukaufen. Auch der Haushaltseinkauf wurde für uns erledigt und vorbeigebracht. Normalerweise hätten wir auch einen Abholtag für das Fleisch aus der Direktvermarktung gehabt, diesen haben wir natürlich abgesagt, und das Fleisch wurde von unserer Kollegin direkt an die Kunden ausgeliefert. Nach einer Woche habe ich Mist auf das Feld ausgebracht und konnte schon etwas mehr arbeiten. Das war wichtig, damit sich wichtige Arbeiten nicht aufstauen. Beim Lohnbetrieb stehen die Hauptarbeiten ja erst noch an, deshalb war es in diesem Betriebszweig nicht schwierig. Natürlich sind jetzt auf dem Betrieb trotzdem einige Arbeiten wie Baumschnitt und Heckenpflege liegen geblieben, die ohne Corona längst erledigt wären.

Was möchten Sie anderen Landwirten zum Coronavirus sagen?
Berufskollegen sollten nicht einfach denken, ich bin stark und habe das Coronavirus nicht oder mich kann es nicht erwischen oder es sei ja nicht so schlimm. Corona ist keine normale Grippe. Man muss aufhören, es zu belächeln oder auf die leichte Schulter zu nehmen. Man sollte nicht Angst, aber Respekt vor Corona haben. Es braucht sehr wenig, um sich anzustecken. Und ist schneller übertragen, als man denkt. 

Was können Sie den Landwirten empfehlen?
Haltet die Abstände ein, sorgt dafür, dass ihr euch nicht ansteckt und auch selbst niemanden gefährdet. Noch einmal, eine Ansteckung ist sehr schnell möglich.

Beenden Sie die Sätze...

Corona ist…
ein hinterlistiges Virus das vor niemanden Halt machen will.

Die Corona-Krise ist…eine bis dahin unvorstellbare Krankheit, welche die ganze Welt in die Knie zwingt.

Landwirtschaft ist…eine der wichtigsten Branchen, welche die ganze Bevölkerung am Leben hält. Mit positiven Ideen wird die Landwirtschaft nach der Krise ein grösseres Ansehen erhalten.

Zum Betrieb

Der Landwirtschaftsbetrieb befindet sich im Berner Seeland. Das  Familienunternehmen wird in der fünften Generation geführt.

Es handelt sich um einen Rindermastbetrieb mit 160 Mastplätzen, um Ackerbau und einen angegliederten Maschinenpark für landwirtschaftliche und kommunale Lohnarbeiten.

Ein Teil des Fleisches wird direkt vermarktet. ats

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