9.10.2019 11:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Katrin Müller
Grossbritannien
«Milchproduktion hat Potenzial»
Für ein Austauschsemester ist die Agronomie-Studentin Katrin Müller gemeinsam mit Freund Simon Küng nach Schottland gereist. Dort arbeitet sie auf einer grossen Milchfarm. Sie hat dem Manager der Linns Farm, Mike Malone, Fragen zur schottischen Milchproduktion und zu den Folgen des Brexits gestellt.

Mike Malone, neuer Manager der Linns Farm in Dumfries, führt den Betrieb nun seit fast zwei Monaten. Er kommt ursprünglich aus Irland. Er hat sieben Jahre Studium hinter sich. 

Nach dem obligatorischen Schulabschluss hat Malone drei verschiedene Hochschulabschlüsse im Bereich Agrarwissenschaft gemacht, davon einen Master. Anschliessend arbeitete er als landwirtschaftlicher Berater im Bereich Milchwirtschaft. Der «Bürotyp» sei er nicht, sagt er im Interview mit schweizerbauer.ch. In der Zeit als Berater hat er viele Erfahrungen gesammelt. Auch wenn die Arbeit auf der Farm besonders während den drei Abkalbemonaten sehr anstrengend sei, gibt es ihm viel mehr Lebensqualität, hält er fest. Mike Malone hat Katrin Mülle viele Fragen zur Milchproduktion in Schottland beantwortet.

Weshalb hast du die Linns Farm in Dumfries ausgewählt, um eine Milchfarm zu führen?
Mike Malone: Im Vereinigten Königreich werden total 180’000 Milchkühe gehalten. Davon leben mehr als 80’000 in der Region Dumfries und Galloway. Zudem spielt das Klima mit. In dieser Region regnet es viel und häufig, pro Jahr rund 1040 Millimeter. Trockene Sommermonate gibt es selten. Das Gras wächst daher gut. Der Standort für eine graslandbasierte Milchfarm ist damit ideal. Und zu beachten ist zudem: Grossbritannien importiert jährlich 50% der Milchprodukte. Das Potential für Milchproduktion ist definitiv vorhanden.

Weshalb bist du nicht Manager einer «Indoorfarm»?
Auf einer Indoorfarm sind die Kühe das ganze Jahr im Stall. Futter und Einstreu wird zum grossen Teil zugekauft. Häufig hat die Farm nur wenig oder gar kein eigenes Land. Unsere Milchfarm hier ist kostengünstiger. Auslagen für spezielle Zusatzfuttermittel oder teure Stallinstallationen gibt es hier nicht. Die Kühe produzieren so viel Milch, wie sie aus dem vorhandenen Gras machen können. Eine Indoorfarm aufzubauen würde rund 2 Millionen Pfund (rund 2,42 Mio. Fr.) mehr kosten. Ausserdem ist man dort nur mit dem Waschen schmutziger Kühe beschäftigt (schmunzelt). Hier auf der Linns Farm gibt es mehr Abwechslung. Man ist eigentlich immer draussen in der Natur, dass gefällt mir besser.

Wie hoch ist der Milchpreis in Schottland?
Der aktuelle Milchpreis liegt bei 28,5 Pence (35 Rp.) pro Kilo Milch. Dieser Preis wird bei einer Milch mit einem Gehalt von 4% Fett und 3.3% Eiweiss ausbezahlt. Dazu müssen die Zellzahlen unter 300'000 Zellen pro Milliliter Milch sein. Im Moment sind unsere Milchgehalte bei 5.5% Fett und 3.4% Eiweiss. Dafür wird ein Zuschlag von sechs Pence (7,3 Rp.) ausbezahlt. Gerne hätte ich den Milchpreis etwas höher. Normalerweise liegt der Milchpreis bei ungefähr 30 Pence (36,4 Rp.). Wir realisieren im Jahr mit der Milch einen Nettoerlös zwischen 160'000 und 175'000 Pfund (194'000 Fr. - 212'000 Franken).

Für was wird die Milch der Linns Farm verwendet?
Die Milch wird auf der Linns Farm in der Hauptsaison täglich von Arla abgeholt. Arla ist eine der grössten Molkereigenossenschaften weltweit. Die Milch wird drei Stunden weiter nach Stranraer transportiert, wo sie vom Partnerunternehmen Lactalis zu Käse verarbeitet wird. 

Betriebsspiegel

Die Linns Farm gehört Michael Kyle und wurde bis Mitte 2019 von ihm geführt. Seit August ist Mike Malone für den Betrieb verantwortlich. Die Linns Farm liegt in Dumfries. 700 Kühe der Rasse Kiwicross und Jersey grasen auf 380ha. Die Kühe sind das ganze Jahr draussen auf der Vollweide. Nur bei nassen Zeiten im Winter werden sie in einem offenen Laufstall gehalten. Der Leistungsdurchschnitt pro Kuh liegt bei 5000 Kilo pro Jahr. Die Milchproduktion pro Jahr liegt bei rund 3.5 Millionen Kilo Milch.

Was wird sich in der Milchproduktion ändern, wenn Grossbritannien die EU verlassen wird?Ein Brexit heisst: Einerseits werden wir weniger Produkte wie Käse verkaufen können. Dies wegen den Zöllen, die für den Export neu anfallen werden. Unsere Abnehmer in der EU werden nach günstigeren Möglichkeiten Ausschau halten. Nach spätestens 2 bis 3 Jahren werden Exportunternehmen ein grosses finanzielles Problem haben. Auch die Linns Farm wird die Reserven brauchen. Der Milchpreis dürfte wegen der drohenden Milchschwemme deutlich sinken. Andererseits werden viele Farmer wegen des Brexits die Landwirtschaft verlassen. Das bedeutet, dass in den kommenden Jahren viel Land verkauft werden wird. 

Was bedeutet das für die Linns Farm?
Dies bietet uns wiederum die Möglichkeit, die Farm zu vergrössern und über die Menge das Geld zu verdienen. 

Macht dir der Brexit Sorgen?
Ich mache mir keine Sorgen. Für junge Farmer wie du, dein Freund Simon oder ich gibt es in Grossbritannien genügend Möglichkeiten. Denn Jungbauern fehlen hier. Es wird besonders die älteren Farmer treffen, die wenig Reserven haben.

Wie bereitest du die Linns Farm auf einen Brexit vor?
Die Folgen gilt es gut vorauszuplanen. Bereits jetzt rechne ich Futterpläne aus, um zu wissen, ob genügend Wintervorrat vorhanden ist. Möglichst schnell will ich Futter zukaufen. Hohe Zusatzkosten wegen des Brexits würde der Linns Farm schaden. Spitäler werden aber beispielsweise grössere Probleme haben. Wenn Medikamente zu spät und unregelmässig eintreffen wird dort früher der Notstand ausgerufen, als hier auf der Linns Farm.

Wie siehst du die Zukunft der Milchproduktion in Schottland?
Wie bereits erwähnt, ist für Jungbauern in Schottland Potenzial vorhanden, Besitzer einer erfolgreichen Farm zu werden. Junge Landwirte und Landwirtinnen fehlen hier definitiv. Mehr und mehr suchen Farmer hier ein ausgewogene Work-Life-Balance. Michael Kyle, Inhaber der Linns Farm, ist dafür ein gutes Beispiel. Michaels erstes Business war eine Poulet-Verarbeitungsunternehmen. Nach wenigen Jahren hatte er genug Geld zusammen, diese Farm aufzubauen. Das war 1998. Im kommenden Jahr gibt er den Hauptteil seines Business mir ab und hat so mehr Freizeit. Die Linns Farm bringt nun genug Geld ein, um alle Kosten zu decken und zusätzlich Reserven zu bilden. Ein Teil der Reserven werden für Neuinvestitionen an der Farm benötigen. Den Rest wird für den Aufbau einer zweiten Farm gespart. Vereinfacht gesagt, hat Michael Kyle in wenigen Jahren das Geld für «sein Leben» verdient.

In der Schweiz versuchen wir immer mehr Milch aus einer Kuh zu holen. Wie siehst du dies hier in Schottland?
Ich denke, dass dies besonders bei den graslandbasierten Milchfarmen nicht der Fall ist. Das Grasland limitiert die Milchproduktion und dies soll auch so bleiben. Würde ich mehr Milch aus einer Kuh erzeugen wollen, so würde die Herde stark unter Druck stehen. Die nächste Schwachstelle der Kuh ist ihre Gesundheit und Reproduktionsfähigkeit. Und genau dort würde das nächste Problem entstehen. 

Wie hat sich die Milchproduktion in den vergangenen Jahren entwickelt?
Die Farmen sind immer grösser geworden. Auf der Fläche der Linns Farm von 360 Hektaren standen ursprünglich sieben Farmen. Heute ist die Linns Farm die einzige. Zwei der sieben Farmen wurden im Zweiten Weltkrieg von Deutschen Bomben zerstört. Überreste sind bis heute sichtbar.

Was würdest du jetzt machen, wenn du nicht Manager der Linns Farm wärst?
In Neuseeland. Ich bin geboren, ein Milchfarmer zu sein. Über viele Umwege habe ich das nun auch erreicht. Meine Freundin Sara ist sehr mit ihrer Familie verbunden, deshalb sind wir nicht nach Neuseeland ausgewandert. Ich bin nun aber sehr froh und glücklich, auf der Linns Farm als Manager arbeiten zu können. 

Über uns

Katrin Müller aus Bern-Liebefeld und ihr Freund Simon Küng aus Sumiswald BE absolvieren auf der Linns Farm ein Praktikum. Beide haben die landwirtschaftliche Lehre abgeschlossen und studieren an der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) Agronomie. Das erste Semester des zweiten Studienjahres absolvieren sie an der Scotland Rual College (SRUC) in Edinburgh. Beide sind grosse Naturfreunde und arbeiten gerne mit Tieren.

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