22.01.2020 17:21
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Milchmarkt
Umfrage: Biomilchmarkt, wie weiter?
Der Markt für Biomilch ist gesättigt. Umsteiger befinden sich auf einer Warteliste. Wie kann man den Markt wieder ins Lot bringen. Mehr Absatzförderung, mehr Export, Produktion einschränken oder gar eine Preissenkung? Abstimmen und mitdiskutieren

Das Jahr 2018 liess den Absatz von Bioprodukten in die Höhe schnellen. Dies deshalb, weil Coop das 25-jährige Jubiläum ihres Labels Naturaplan feierte. Knospe-Produkte wurde entsprechend beworben. Die Folge waren steigende Verkäufe, so auch bei der Milch.

Deklassierungsabzug

2019 folgte die Ernüchterung. Die Nachfrage entwickelte sich nicht mehr wie im Jahr zuvor. Zudem sind weitere Milchproduzenten mit einer bedeutenden Menge in den Markt gelangt. Der Produzentenpreis für Biomilch geriet bereits im Frühjahr 2019 unter Druck. 

«Das Angebot ist rascher gewachsen als die Nachfrage», sagte David Herrmann, Medienverantwortlicher bei Bio Suisse, Anfang November 2019 zu «Schweizer Bauer». Die Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) erhöhten per 1. Juli 2019 wegen der hohen Einlieferungen bei der Biomilch den Deklassierungsabzug auf 5 Rappen pro Kilogramm Milch.

2020 sind 23 Millionen Kilo Milch mehr

Der Marktanteil der Biomilch liegt bei rund 8 Prozent. Und offenbar ist der Markt damit fast gesättigt. Das hat Auswirkungen für Umsteiger. Weil die Nachfrage zu klein ist, müssen diese länger als geplant die Milch zu einem tieferen Preis in den konventionellen Kanal liefern. 

Anfang 2020 erreichten laut Bio Suisse weitere rund 155 Milchproduktionsbetriebe den Vollknospe-Status. Diese Betriebe stehen vorerst auf einer Warteliste und können frühestens ab Juni 2020 ihre Milch als Vollknospe-Milch abgeben.  Ab diesem Datum kämen gemäss dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst (LID) weitere 23 Millionen Kilo Milch, also über 9% des bestehenden Marktes, in den bereits gesättigten Markt.

Finanzielle Auswirkungen

Mit diesen Wartelisten möchte Bio Suisse den Angebotsüberhang abfedern. Denn diese Mengen werden nun in den kommenden Monaten in den konventionellen Markt geliefert. Für die Bauern hat dies einschneidende finanzielle Auswirkungen. 

Das hat finanzielle Konsequenzen zu Folge. Beispielsweise für die Familie Schürch aus Kirchberg BE. Im Januar 2018 haben Gabi und Beat Schürch gemäss LID angefangen, ihren Milchbetrieb mit Ackerbau auf biologische Produktion umzustellen. 

Auch 2021 Wartelisten

Schürchs besitzen 35 Milchkühe, die Milchproduktion liegt bei rund 180'000 Kilo. Geliefert wird die Milch an Emmi. Weil sie ihre Milch nun bis Ende Mai in den konventionellen Kanal liefern müssen, verlieren sie rund 20'000 Franken. «Uns Landwirten wird vorgeworfen, dass wir mit unserer Produktion der Umwelt schaden. Wenn wir aber auf Bio umsteigen, kaufen zu wenige unser Produkt. Das ist doch absurd», sagte Gabi Schürch zum LID.

Ob Schürchs ab Juni tatsächlich in den Biokanal liefern können, ist noch unklar. Die Biomilchmarktrunde wird die Marktentwicklung in den kommenden Monaten abwarten. «Eine Entscheidung diesbezüglich wird wohl erst im Frühling fällen», sagt Bio Suisse-Sprecher Hermann Mitte November. Aufgrund der in den letzten Jahren jeweils grossen Zahl an Umstellbetrieben beschloss die Biomilchmarktrunde, ab 2020 Wartelisten für neue Biomilchproduzenten einzuführen. Umsteller, die ab 2021 abliefern könnten, sind bereits auf einer Warteliste. 

«Ohne Warteliste Markt zusammengebrochen»

Bio Suisse-Präsident Urs Brändli verteidigte gegenüber der SRF-Nachrichtensendung «10vor10» die Warteliste. «Hätten alle neue Produzenten per 1. Januar 2020 in den Biomilchkanal geliefert, wäre der Markt zusammengebrochen. Damit das nicht passiert, haben wir Wartelisten eingeführt», sagt Brändli.

Wenn das Angebot die Nachfrage übertrifft, senken in der Regel die Preise. Müsste der Preis für Biomilch also nicht sinken? Für Brändli ist dies keine Option. «Es kann nicht das Ziel sein, dass wir mit der Biomilch dieselben Probleme kriegen wie bei den konventionellen Kollegen. Dort müssen viele Bauern die Milchproduktion aufgeben, weil aufgrund des tiefen Preisniveaus die Existenz gefährdet ist», macht Brändli deutlich.  

«Preise nicht künstlich hochgehalten»

Für Pirmin Furrer, Geschäftsführer der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP), kam der Angebotsüberhang überraschend. Konnte man dies nicht voraussehen? «Nein. Nach dem Wachstum bei Coop Naturaplan gingen wir auch 2019 davon aus, dass der Absatz steigen wird. Wir dachten, die Konsumenten seien bioaffin, doch dem war nicht so. 2019 hatten wir leider kein Wachstum», sagt Pirmin Furrer er zu «10 vor 10».

Werden mit den Wartelisten die Preise nicht künstlich hochgehalten? Furrer widerspricht: ««Die Warteliste ist dazu da, damit der Landwirt seinen Preis erhält. Wir halten den Preis nicht künstlich hoch. Der Bio-Konsument ist bereit, einen höheren Preis zu bezahlen.»

Abgabe für neue Absatzkanäle

Ob dem wirklich so ist, wird sich in den nächsten Monaten weisen. Mit einer verstärkten Absatzförderung soll der Konsum von Biomilch erhöht werden. Die Mooh Genossenschaft nimmt Biomilchlieferanten, die ab 1. Januar 2020 ihre Mengen ausgedehnt haben oder neu auf Bio umstellten, in die Pflicht. Sie müssen von Januar bis Mai einen Beitrag für den Marktaufbau leisten. Wie hoch dieser ausfällt, hängt von der Marktsituation ab. 

«Um auch in Zukunft das Angebot und die Nachfrage in der Waage zu halten und das wachsende Angebot absorbieren zu können, erachten wir es als wichtig, dass wir neue nachhaltige Absatzkanäle für Schweizer Biomilch erschliessen können», sagte Cemil Klein, Mitglied der Geschäftsleitung der Mooh Genossenschaft, zu «Schweizer Bauer».

Erschlossen wird auch der Exportmarkt. Antibiotikafreie Milch gelangte beispielsweise in Form von Vollmilchpulver in die USA. Die Mengen sind mit etwas über 600'000 Kilo im Jahr 2019 aber noch sehr bescheiden.

Wie kann man den Biomilchmarkt wieder ins Lot bringen? Braucht es weiter Wartelisten, muss die Absatzförderung im Inland angekurbelt werden, sollte der Export forciert werden, muss die Produktion gesenkt werden oder muss der Preis runter? Abstimmen und mitdiskutieren

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