25.09.2020 11:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Ann Schärer, lid
Kälberaufzucht
Milchkühe ersetzen Tränkeautomat
Simon Kobel aus Trubschachen BE war sich sicher: Es muss noch etwas anderes geben als Milchwirtschaft, Mutterkuhhaltung oder Kälbermast. Seine Suche hat ihn zur ammengebundenen Kälberaufzucht gebracht.

Es ist ein schöner Anblick auf dem Grenzpfad zwischen Emmental und Entlebuch. Auf der Herbstweide, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft, säugen Kühe ihre Kälber. An sich kein ungewohntes Bild, Mutterkuhhaltung ist schon längst keine Seltenheit mehr.

Anderen Weg gesucht

Doch dem geschulten Auge fällt rasch auf: das sind keine Fleischrassenkühe, die da ihre Kälber säugen, sondern Milchkühe. Die besondere Kuhherde gehört Simon Kobel vom Betrieb Alpetli in Trubschachen BE. Er betreibt auf dem 17 Hektar grossen «Alpetli» ammengebundene Aufzucht von Kälbern und Remonten, also von Kälbern, die älter als fünf Monate sind und von der Milch bereits entwöhnt wurden.

«Unser Betrieb ist eher mit einem Milchviehbetrieb zu vergleichen als mit Mutterkuhhaltung. Halt einfach ohne Melkmaschine – dafür haben wir die Kälber», sagt Simon Kobel lachend. Bereits 2013 hat der Nebenerwerbs-Bio-Landwirt auf eigene Faust angefangen, Erfahrungen mit der ammengebundenen Kälberaufzucht zu sammeln. Denn seine Arbeitsbelastung war hoch und die Fleischpreise für Biokälber im Keller. Es muss andere Wege geben, war sich der dreifache Familienvater sicher.  

Geeignete Ställe vorhanden

Einschränkungen bezüglich Stallumbau sowie eine relativ geringe Rentabilität hielten Simon Kobel davon ab, auf Mutterkuhhaltung umzusteigen. Doch die Melkmaschine sollte auch auf seinem Betrieb künftig nicht mehr zum Einsatz kommen – so viel war sicher. Nachdem der junge Landwirt bereits erste Erfahrungen mit der Kälberaufzucht an Ammen gesammelt hatte, startete das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) zusammen mit Coop und Bio Suisse ein Projekt zu dieser neuen Mastmethode. Kurzerhand meldete er sich dort an.

«Mit der ammengebundenen Kälberaufzucht können viele Kälber aufgezogen werden, was zu einer relativ hohen Wertschöpfung führt», sagt Claudia Schneider, Projektleiterin beim FiBL. «Das System ist vor allem für Betriebe interessant, die nicht mehr in die Melkanlage investieren möchten, auf deren Betrieben aber geeignete Ställe vorhanden sind», sagt Schneider.

FiBL-Projekte: ammengebundenen Kälberaufzucht

In einem EU-Forschungsprojekt wird aktuell das Verhalten und die Gesundheit der Kälber genauer untersucht. Parallel dazu laufen Auswertungen zur Bio Kälbermast an Müttern und Ammen.

Das FiBL hat zudem ein Beratungsprojekt für Betriebe lanciert, welche in die kuhgebundene Aufzucht von Kälbern einsteigen wollen. Auch hat das FiBL die Plattform Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht (MAgKa) gegründet, in deren Rahmen Austauschtreffen für Landwirtinnen und Landwirte angeboten werden. Dort finden Interessierte viele wertvolle Antworten auf ihre Fragen sowie Informationen zu den neuesten Entwicklungen. 

Freude an Kälbern Voraussetzung

Und Freude an Kälber sollte ebenfalls vorhanden sein, wie bei Simon Kobel. Lange hat er ausprobiert, was für ihn am besten funktioniert. «Swiss Fleckvieh-Kühe eignen sich besonders gut als Ammen, da ihr Mutterinstinkt etwas geringer ist als bei den Mutterkuhrassen», sagt Kobel. Ist der Mutterinstinkt besonders ausgeprägt, lassen die Mütter nicht gerne andere Kälber an ihr Euter.

Und sie geben ausreichend Milch – für die Tränkekälber und die Remonten welche vor allem Raufutter und etwas Mais fressen. Sie dürfen ebenfalls täglich zu den Ammenkühen, um dort die Euter noch restlos leer zu saugen. Sie bekommen also das, was die kleineren Kälber ihnen übriggelassen haben.

System punktet mit hoher Flexibilität

«Die kleinen Kälber sind auch über Nacht bei ihren Müttern oder Ammen. Sie haben dann am Morgen, wenn ich in den Stall komme, meist schon getrunken», erklärt Kobel. Wenn die Kleinen satt sind, lässt er die grösseren Kälber, die Fresser, zu den Ammen. Sobald diese dann allmählich von den Kühen weglaufen, ist klar: Die Euter sind leer. Im Anschluss gehen alle Tiere raus auf die saftige Weide. Am Abend werden erneut alle Tiere in den Stall getrieben und das Prozedere beginnt von vorn (siehe Film-Tipp unten).  

«Wir haben zwar weniger Aufwand, weil wir nicht mehr melken und von Hand tränken, aber durch das zweimalige Einstallen pro Tag ist der Aufwand nach wie vor relativ gross», sagt Kobel. Trotzdem ist er mit dem System insgesamt zufrieden. «Ich kann mich rasch anpassen, wenn sich der Markt oder das Klima verändert», sagt Kobel. Die Futtergrundlage kann sich in sehr trockenen Phasen stark verändern und auch die Nachfrage nach Kalbfleisch ist oft kaum vorhersehbar – insbesondere in Zeiten von Corona.

Saugen vom Euter ideal

Für das FiBL-Projekt hat Simon Kobel im ersten Jahr 19 und im zweiten Jahr 25 Kälber geschlachtet und untersuchen lassen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Fleischqualität sowie die Fettverteilung besser ist als bei konventionell getränkten Kälbern. Das Saugen direkt vom Euter ist für die Kälber optimal – die Milch hat die ideale Temperatur und auch die Haltung des Kalbes beim Trinken ist natürlicher als beim Tränken mit dem Eimer. 

«Seither hatten wir nie mehr Probleme mit aufgeblähten Kälbern», sagt Kobel. Mit Atemwegsinfektionen haben seine Kälber aber unverändert zu kämpfen. Seit Kurzem wird auf dem Betrieb deshalb geimpft. «Dies vor allem auch, weil ich Kälber von anderen Betrieben zukaufe. Das ist bezüglich der Einschleppung von Keimen heikel», sagt er. Er versuche deshalb, die Kälber immer von denselben drei, vier Betrieben zu kaufen. Doch nicht immer ist das möglich.

Atemwegserkrankungen bleiben ein Problem

Grundsätzlich zeigen sich bei der ammengebundenen Kälberaufzucht vielversprechende Resultate in Sachen Kälbergesundheit. «In unserer Praxisuntersuchungen setzten die Betriebe mit kuhgebundener Aufzucht weniger oft Antibiotika und Medikamenten gegen Parasiten ein als Betriebe, die mit dem Eimer tränken», sagt Claudia Schneider.

Doch in Bezug auf Atemwegserkrankungen konnte auch im Rahmen des gesamten FiBL-Projektes leider kein positiver Effekt festgestellt werden. Einen positiven Effekt hat aber bestimmt die regelmässige Interaktion zwischen Kuh und Kalb – auch wenn es sich nicht um die leibliche Mutter handelt. «Die meisten Kühe lassen relativ rasch andere Kälber am Euter zu. Manchmal müssen wir sie etwas überlisten und das fremde Kalb von hinten zuführen, während das eigene Kalb bereits trinkt», sagt Kobel. So gewöhne sich die Kuh in der Regel rasch daran, dass an ihrem Euter auch andere Kälber trinken. «Dass Kälber an fremden Kühen saugen, ist etwas, was in der Natur auch vorkommt», sagt Claudia Schneider.

Wie artgerecht ist ammengebundene Kälberaufzucht?

Claudia Schneider, Projektleiterin ammengebundene Kälberaufzucht, FiBL: «Für die Kälber ist es sehr artgerecht, weil sie sich artgerecht ernähren können, nämlich am Euter. Sie haben Kontakt zu erwachsenen Tieren und können dabei Wichtiges zum Sozialverhalten in der Herde lernen.

Den Müttern, denen die Kälber weggenommen werden, weil diese zu einer Amme gebracht werden, wird gleich wie beim «konventionellen System» das Jungtier weggenommen, je nach System aber später als üblich. Sie kann es also auch nicht selber aufziehen und längerfristig Kontakt mit ihm haben. Die Ammen sind aber selber ja auch Mütter und für sie ist es natürlich, dass andere Kälber saugen.»

Kuh versorgt zwei oder drei Kälber

Jede Kuh aus der Herde der Familie Kobel versorgt zwei oder drei Kälber. «Dabei achten wir darauf, dass keines zu kurz kommt», sagt Simon Kobel. Wenn ein Kalb im Alter von etwa vier Monaten nicht den gewünschten Ausmastgrad erreicht hat, wird es den Fressern zugeteilt und langsam von der Milch entwöhnt. Und auch im saisonalen Verlauf zeigt sich die Flexibilität des Systems. Wenn im Frühling die Preise für Mastkälber tief sind, produziert Simon Kobel mehr Fresser. Und erst auf die Herbst- und Weihnachtszeit hin wieder mehr Mastkälber, weil dann die Preise wieder steigen.

Erster Kontakt mit Amme unterschiedlich

Der Zeitpunkt wann das Kalb erstmals zu Amme kommt, wird von den Betrieben mit kuhgebundener Kälbermast unterschiedlich gehandhabt. «Auf manchen Betrieben passiert das recht früh, also wenn das Kalb eine Woche alt ist. Dann ist das Immunsystem noch recht gut durch die Muttermilch geschützt. Auf anderen Betrieben kommen die Kälber erst mit drei Wochen zur Amme», sagt Claudia Schneider.

So handhabt es auch Simon Kobel. Die Kälber seien dann schon etwas widerstandfähiger, ist seine Erfahrung. So sammelt er laufend Erfahrungen und passt den Betrieb entsprechend an. Wie auch immer dies in Zukunft aussehen wird, ist eines klar: die Melkmaschine kommt auf dem Alpetli nicht mehr zum Einsatz.  

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