10.02.2020 05:55
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Freiberger
«Züchter übte grossen Druck aus»
Die Freibergerszene ist in Aufruhr. Gleich zwei grosse Gerüchte kursieren. Erstens: Der Siegerhengst aus Glovelier wurde vom Schweizer Freibergerverband (SFV) vom Stationstest ausgeschlossen. Zweitens: Albrecht Dreier legt sein Amt als Präsident der Zuchtkommission per sofort nieder. Was ist dran an den Gerüchten? Und welchen Zusammenhang haben sie? Wir haben nachgefragt. Hier das Exklusivinterview mit Albrecht Dreier.

"Schweizer Bauer": Die Gerüchteküche brodelt gewaltig. Zwei grosse Fragen bewegen derzeit die Züchterszene der Freibergerpferde. Ich hoffe, Sie können etwas Licht ins Dunkel bringen. Sie geben Ihr Amt als Präsident der Zuchtkommission bei Schweizer Freibergerverband nach 11 Jahren in der Zuchtkommission, davon vier Jahre im Vorstand, per sofort ab. Ist das korret?
Albrecht Dreier: Ja, das stimmt. 

Wieso?
Das wird jetzt etwas komplex und hart, und für Sie sicher auch nicht einfach zu schreiben. Ich werde nun einfach und direkt - inklusive Namen - sagen, was Sache ist. 

Und was ist Sache?
In diesem Verband geht es immer nur um die persönlichen Interessen und nie um das Freibergerpferd.

Hat die zweite grosse Frage etwas damit zu tun? Gerüchten zufolge wurde der Siegerhengst der diesjährigen Hengstselektion in Glovelier JU vom Schweizer Freibergerverband zurückgezogen und darf den Test nicht zu Ende machen. Stimmt das?
Ja. Der Freibergerverband hat Cartoon du Padoc von Chantal und Guy Juillard-Pape aus Damvant JU zurückgezogen. Dies deshalb, weil er zu grosse, weisse Abzeichen an den Beinen habe.

Aber Sie als Präsident der Zuchtkommission haben den Junghengst an der Hengstselektion doch gesehen und beurteilt?
Ja. Die weissen Abzeichen waren am Limit und minim über der zulässigen Höhe. Mein Kollege Dominique Odieut, er ist Präsident der Förderungs- und Vermarktungskommission, und ich haben uns den Fall genau angesehen und es für zulässig befunden, Cartoon durchzuwinken. Zumal es sich nur um wenig Weiss handelt und die Zuchtwerte sehr gut sind, sprich der Hengst die weissen Abzeichen nicht stark weitervererbt. Ich habe mich von der Gesamterscheinung des schönen Hengstes blenden lassen. Das war im Nachhinein ein Fehlentscheid, für den ich mich beim Freibergerverband entschuldigt habe. Und ich bin bereit, dafür gerade zu stehen. Der Sieg von Cartoon in Glovelier war ein heisses Thema unter den Züchtern. Vor allem für einen Züchter (Name der Redaktion bekannt), der dieses Mal nicht Erster wurde. Es gibt nie eine Hengstselektion ohne Nebengeräusche.

Und dann?
Alle 16 selektierten Junghengste, unter ihnen auch der Siegerhengst Cartoon, wurden ins Nationalgestüt in Avenches VD gebracht, um am 20. Januar mit dem 40-tägigen Stationstest zu beginnen. An der Auffuhr der Junghengste in Avenches VD waren die weissen Abzeichen von Cartoon kein grosses Thema mehr. 

Wieso ist Cartoon jetzt trotzdem vom Stationstest ausgeschlossen?
Der besagte Züchter übte grossen Druck aus. Deshalb wurde eine ausserordentliche Vorstandssitzung einberufen. An der Verstandssitzung vom 30. Januar kam es zu heftigen Diskussionen unter den Vorstandsmitgliedern. (Anmerkung der Redaktion: Der besagte Züchter wie die Co-Besitzerin des Hengstes sind beides auch Vorstandsmitglieder). Dabei wurde die Züchterfamilie Juillard-Pape massiv und unter der Gürtellinie angegriffen. Der Vorstand hat sich gemeinsam darauf geeinigt, dass eine Stellungnahme mit einer Entschuldigung meinerseits publiziert wird, dass Cartoon aber den Stationstest machen darf.

Eine solche Stellungnahme haben wir nie gesehen?
Weil es keine gab. Es wurde kurz darauf (am Donnerstag, 6. Februar) noch einmal eine ausserordentliche Sitzung einberufen. An dieser habe ich nicht mehr teilgenommen. Dort hat der Vorstand des Schweizer Freibergerverband beschlossen, Cartoon aus dem Stationstest zurückzuziehen. 

Wieso waren Sie nicht mehr an der zweiten ausserordentlichen Sitzung dabei?
Nach der ersten Sitzung war mir klar, dass ich beim Freibergerverband keinen Platz mehr habe. Mein Rücktritt hat nichts mit dem Fehler, den ich gemacht habe, zu tun - ich wäre bereit gewesen, dafür gerade zu stehen - sondern mir der Art der Krisenbewältigung und der langen Vorgeschichte.

Können Sie das genauer erklären?
An der ersten Sitzung wurde die Familie Juillard-Pape massiv von dem besagten Vorstandskollegen und Züchter angegriffen. Gleichzeitig wurde auch meine Person attackiert. Ich wurde kritisiert, weil ich nach der Hengstselektion mit einem beim Verband in Ungnade gefallenen Richterkollegen (Anmerkung der Redaktion: Beim Richterkollegen handelt es sich um einen Richter des SFV, sprich um einen Arbeitskollegen) ein Bier trinken war. Anscheinend darf man das nicht mehr. Sämtliche Angriffe und haltlosen Anschuldigungen durch den Züchter wurden vom Präsidenten des Freibergerverbandes, Jean-Paul Gschwind, getragen. Er hat nicht interveniert. Ich bin dermassen enttäuscht, dass der Präsident das duldet. Ein Kapitän muss sein Schiff im Griff haben, und darf sich nicht von einzelnen beeinflussen lassen.

Was meinen Sie mit beeinflussen?
Das Machtgehabe des besagten Züchters hat in meinen Augen einen massiven Einfluss auf die Freibergerzucht. Er scheint keine anderen erfolgreichen Züchter zu dulden. Junge, aufstrebende Züchter, vor allem wenn sie nicht aus dem Jura kommen und wenn sie weiblich sind, scheinen diskriminiert zu werden. Das ist mein Eindruck, soweit ich das beurteilen kann.   

Trotzdem, wie soll er die Freibergerzucht beeinflussen? 
Das hat sich ja jetzt gezeigt. Durch die Intervention eines einzelnen - zugegebenermassen sehr durchsetzungsstarken – Züchters, der durch den Präsidenten gestützt wird, war es möglich, den Siegerhengst von Glovelier aus dem Stationstest werfen zu lassen. Aber das ist nicht das erste Mal, dass er die Zucht beeinflusst. Dies geschieht auch durch fragliche Punktierungen von Tieren, Lahmheit, wo keine ist, Schlechtreden anderer Züchter, Pferde und Personen. Wissen Sie, dass es Züchter gibt, denen ich nicht mehr in die Augen schauen kann?

Wieso?
Weil ich in all den Jahren den Freibergerverband verteidigt habe, die teils willkürlichen Entscheide und Bewertungen gerechtfertigt habe, damit der Vorstand nach aussen geschlossen auftritt. 

Wie kann es sein, dass eine einzelne Person damit durchzukommen scheint und niemand etwas dagegen macht?
Weil das alles sehr schwierig ist zu beweisen. Ich habe in meiner Amtszeit versucht, ihm entgegen zu halten, aber es hat mir niemand geholfen und ich kann es ihnen nicht verübeln. Viele im Vorstand sind selber Freibergerzüchter und haben Angst, dass ihre Tiere mit schlechten Noten abgestraft werden, wenn sie etwas sagen oder Opposition ergreifen.

Sie haben keine Angst?
Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich mit meinen Fohlen und Pferden künftig wohl oft mit der Note 5 (schlechte Bewertungsnote) von den Fohlenschauen und Feldtests nach Hause gehen werde. Ich war pro Jahr über 50 Tage für den SFV unterwegs. Schlussendlich musste ich mir sagen, dass ich mich künftig lieber um meine eigenen Freiberger, meinen 70-ha-Betrieb und die 45 Kühe kümmere.

Wie sehen Sie die Zukunft des Freibergerpferdes? 
Schwarz. Die Fohlengeburtenzahlen sind rückläufig. Dem kann man sicher nicht entgegenhalten, indem gute Züchter bestraft werden, ihnen auf den Kopf haut und dann denkt, sie würden weiter züchten. In der jetzigen Konstellation des Vorstandes ist man weit weg von einer guten Zukunft. Es stellt sich auch die Frage, wie lange der Bund dem Verband noch Geld zur Erhaltung der bedrohten Linien zusprechen wird. Dies vor allem dann, wenn einmal aufgedeckt wird, unter welchem Einfluss künftige Zuchthengste selektiert werden.

Ziemlich düster. Und wie sehen Sie die Zukunft des SFV?
Wie bereits am Anfang gesagt. In diesem Verband geht es immer nur um die persönlichen Interessen und selten um das Freibergerpferd. Der Verband braucht jemand, der das Schiff leitet und alle persönlichen Interessen hintenanstellt, für die Freibergerrasse. Und den Freiberger nicht als Lobby-Mittel für politische Interessen nutzt. 

Der Schweizer Freibergerverband wurde am Sonntagmorgen von der Redaktion angeschrieben, eine Stellungnahme steht noch offen.

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