6.07.2020 14:16
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Deutschland
Schlachthof zu – Schweinehalter in Not
Der Fleischverarbeiter Tönnies musste wegen über 1500 Coronafällen bei Mitarbeitern den Schlachthof in Rheda (D) schliessen. Die Schliessung des grössten Schweine-Schlachthof Deutschlands bringt nun aber die Schweinehalter in Bedrängnis.

Am grössten Standort der Tönnies Unternehmensgruppe, an dem über 6'000 Mitarbeiter tätig sind, wurden Mitte Juni bei hunderten von Mitarbeitern Corona nachgewiesen. 

Schliessung wurde verlängert

Mehr als 1500 der gut 7000 Beschäftigten der Tönnies-Fabrik im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück wurden schlussendlich positiv getestet. Für den gesamten Kreis Gütersloh mit rund 370’000 Einwohnern verhängte das Land Nordrhein-Westfalen einen Lockdown. Der Schlachthof musste Mitte Juni schliessen.

Der temporäre Schliessung wurde vergangene Woche bis Mitte Juli verlängert. Ein Konzept zum Gesundheits- und Arbeitsschutz ist Voraussetzung dafür, dass Tönnies den Betrieb schrittweise wieder hochfahren kann. Dieses Konzept will das Unternehmen am Montag den Behörden vorstellen. Unter der Voraussetzung der Genehmigung des Konzepts wird dann über die schrittweise Eröffnung von Teilbereichen entschieden. 

DBV: existentielle Bedeutung

Für die Schweinehalter ist die Schliessung des Schlachthofs eine grosse Herausforderung. Bereits vor gut einer Woche warnte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), vor den Folgen: «Wir haben eine akute Krisensituation, die von den Schlachtbetrieben ausgeht und die sofortiges Handeln erfordert.»

Die Arbeitsfähigkeit der Fleischwirtschaft sei für die Landwirtschaft von existentieller Bedeutung. Die Branche müssen Kapazitäten schaffen, damit die Tiere geschlachtet werden können. 

Riesiger «Schweinestau»

Die Schweinehalter schlagen Alarm. «Dass die Schweinehalter nach zwei Wochen immer noch nicht ansatzweise wissen, wie es weiter geht, ist ein unhaltbarer Zustand,» sagte der Heinrich Dierkes, Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), zu agrarheute.com. Denn gemäss der Politik sei Tönnies systemrelevant.

ISN-Geschäftsführer Torsten Staack führt gegenüber dem Portal aus, was mit der Systemrelevanz gemeint ist. In Rheda-Wiedenbrück werden im Normalbetrieb 12 bis 14 Prozent der deutschen Schweine geschlachtet. Wöchentlich stauen sich gemäss Staack bis zu 100’000 Schweine auf. Gemäss dem «Weser-Kurier» werden in Deutschland pro Woche um die 970’000 Schweine geschlachtet, rund 110’000 davon bei Tönnies. 

Produzentenpreise sinken

Die grosse Anzahl Schlachttiere wirkt sich auch auf Schweinezüchter aus. Weil bei den Mastbetrieben die freien Stallplätze fehlen, finden die Züchter keine Abnehmer für die Ferkel. 

Und der Ausfall des Standorts Rheda wirkt sich auf die Fleischpreise aus. Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) hatte gemäss agrarheute die Notierung für Schlachtschweine vorige Woche um 6 Cent auf 1,60 Euro/kg (1.70 Fr.) Schlachtgewicht gesenkt. Im März hatte er noch bei 2,02 Euro (2,15 Fr.) gelegen.

Landwirte spüren Folgen

Torsten Staack gibt sich gegenüber dem «Weser-Kurier» sehr besorgt: «Die Verkaufserlöse sinken dramatisch, und die Ställe werden immer voller. Auf Sicht ergibt sich ein grosses Tierschutzproblem.»

Die vollen Ställe führen bei den Bauern zu Verlusten. Auch bei Landwirten, die nicht an Tönnies liefern. Wilken Hartje hält auf seinem Hof in Syke-Heiligenfelde unter anderem 2700 Mastschweine. Zwar liefert er nicht an Tönnies. Doch er spürt die Folgen. «Wenn der grösste Schlachthof nicht mehr schlachtet, hat das Auswirkungen auf ganz Deutschland», sagt er zum «Weser-Kurier». Mit sieben bis zehn Tage war er zuletzt beim Vermarkten im Rückstand, das sind rund 500 Tiere. 

Höhere Kosten und tiefere Erlöse

Der Landwirt muss nun höhere Haltungskosten tragen, da die Tiere länger im Stall stehen. Das sind bei Hartje mehrere hundert Euro pro Tag. Und weil die Schweine zu schwer werden, wird das Fleisch zu fett. «Und das mögen die Kunden nicht», sagt Albert Hortmann-Scholten, Marktanalyst bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Es entwickelt sich eine Negativspirale. Das Überangebot und die schlechtere Qualität drücken auf den Produzentenpreis.

Tierschutz fordert Regionalisierung

Der deutsche Tierschutzbund fordert eine drastische Wende bei der Schweinemast. «Es braucht kleinere Schweinemastbetriebe und mehr kleinere, aber ‘bessere‘ Schlachthöfe», sagt der Tierschutz. 

Gemäss «Weser-Kurier» sind in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland die Schlachtungen um 5 Millionen Schweine zurückgegangen. Auf Abnehmer-Seite haben drei Unternehmen den Markt unter Kontrolle. Es sind dies Tönnies, Westfleisch und Vion. Der Tierschutzbund will deshalb eine Wende: Weg von Zentralisierung hin zur Regionalisierung.

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