13.07.2020 09:55
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Deutschland
Schweinestau bei Tönnies
Es gibt weiter kein grünes Licht für Schlachtungen beim deutschen Schlachtbetrieb Tönnies. Die Entscheidung über Wiederaufnahme der Produktion in Rheda-Wiedenbrück (D) wurde vertagt. Eine neue Lüftungsanlage muss noch geprüft werden. Die schlachtreifen Tiere stauen sich, der Preis fällt zusammen.

Im Tönnies-Schlachthof Rheda-Wiedenbrück durften vergangene Woche Mitarbeiter der Verwaltung sowie der Technik und des Arbeitsschutzes wieder ihre Arbeit aufnehmen. Doch wann die seit mehr als drei Wochen ruhende Produktion dort wieder hochgefahren werden kann, blieb unklar.

Sicherheit vor Schnelligkeit

Nach Beratungen verschiedener Behörden, Experten und dem Unternehmen über das von Tönnies vorgelegte erweiterte Hygienekonzept am letzten Donnerstag äusserte die Detmolder Regierungspräsidentin Judith Pirscher gegenüber der Presse, dass es für eine Gesamtbewertung „noch zu früh sei“. Es bestehe das gemeinsame Ziel „Sicherheit vor Schnelligkeit". Das zweite grosse Ziel sei, dass man „gemeinsam wieder ins Geschehen kommt".

Die Stadt Rheda-Wiedenbrück teilte mit, dass der Bereich Technik essenziell zur Ausführung von vorbereitenden Hygienemassnahmen sei. Darunter fielen beispielsweise das Montieren von Schutzelementen in Kantinenbereichen und Teilen der Produktion. 

Grosser Schweinerückstau

Der fortdauernden Ausfall des grössten deutschen Schweineschlachters sowie die aus Hygieneschutzgründen verringerten Kapazitäten in anderen Schlachtbetrieben haben zu einem großen Rückstau bei schlachtreifen Tieren geführt. Nach Angaben des deutschen Agrarministeriums fallen derzeit etwa 14 % der normalen Kapazitäten weg.

Marktbeteiligte berichteten, dass dies nicht durch Umleitung des Lebendangebots in andere Schlachtbetriebe aufgefangen werden könne, der Druck am Schweinemarkt nehme täglich zu. Die deutsche Leitnotierung der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) brach deshalb am vergangenen Mittwoch um 13 Cent/kg auf 1,47 Euro/kg SG ein, eine Woche zuvor war sie bereits um 6 Cent/kg gefallen. 

Produktion muss in Gang kommen

Auf Kritik stiess die deutliche Erzeugerpreissenkung beim Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Bernhard Krüsken. „Es kann nicht sein, dass Landwirte jetzt die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen die Fleischwirtschaft eingebrockt hat. Die Probleme in der Fleischwirtschaft lassen sich nicht durch Preisdrückerei lösen, sondern nur durch das konsequente Umsetzen von Hygieneauflagen, damit Schlachtung und Zerlegung wieder in Gang kommen“, betonte Krüsken.

Der Präsident der Bundestierärztekammer (BTK), Uwe Tiedemann, warnte vor aufkommenden Tierschutzproblemen in den Ställen oder bei nun längeren Transporten und forderte die Bundesregierung umgehend zu einem Krisengipfel auf. Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) rief dazu auf, Gesundheits- und Tierschutz in Einklang zu bringen. „Die Gesundheit der Beschäftigten in der Schlachtbranche und der Schutz der Bevölkerung haben oberste Priorität. Um zusätzlich Tierschutzprobleme in den landwirtschaftlichen Betrieben zu vermeiden, muss jedoch die Arbeit in den geschlossenen Schlacht- und Zerlegebetrieben mit neuen Hygienekonzepten zügig wiederaufgenommen werden“, forderte DRV-Präsident Franz-Josef Holzenkamp. 

„Stümperhaftes Krisenmanagement“

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) kritisierte, dass die Erzeuger zusätzlich zum Preisverfall auch noch Abzüge für zu schwere Schweine schultern müssten. Die Sauenhalter hätten durch sinkende Ferkelpreise ebenfalls herbe Verluste. Allein in der vergangenen Woche belaufe sich der Schaden für die Schweinehalter auf rund 20 Mio Euro. ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack nahm auch den Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer ins Visier. „Nach drei Wochen Betriebsschliessung bei Tönnies in Rheda muss es dem Landrat doch wohl möglich sein, einen klaren Fahrplan für die Wiederaufnahme des Schlacht- und Zerlegebetriebes auf den Tisch zu legen“, monierte Staack.

Er überzeichne seine Forderungen nach einer 100-prozentigen Sicherheit im Betriebsablauf, die es nie geben werde. Es könne auch nicht sein, dass Adenauer jetzt Strukturfragen zur Schlachthofgrösse in den Raum stelle, anstatt sich um dringend benötigte Kurzfristlösungen zu kümmern. In jedem Fall sei das ein „stümperhaftes Krisenmanagement“ auf dem Rücken der Bauern, und zwar in ganz Deutschland, kritisierte der ISN-Geschäftsführer. Noch habe Adenauer Gelegenheit zu zeigen, dass er „Krise kann", aber viel Zeit bleibe nicht mehr. Priorisiertes Ziel müsse neben dem Arbeitsschutz sein, die Produktion der systemrelevanten Betriebe zu ermöglichen. Die Erzeuger seien auf sehr zeitnahe und konstruktive Lösungen in Bezug auf die Vermarktungsengpässe angewiesen. 

Schnelle Lösungen gefordert

Deutliche Worte fand auch der Präsident des Landvolks Niedersachsen, Albert Schulte to Brinke, demzufolge die „Schweinehalter und -mäster auf gut deutsch gesagt die Schnauze voll haben“. Die Schlachthofproblematik gekoppelt mit den erhöhten Tierschutzanforderungen bringe das Fass zum Überlaufen; der Unmut bei den Bauern sei sehr groß. „Corona hat bei der Erntehelferproblematik gezeigt, dass schnelle Lösungen möglich sind. Dieser politische Wille muss nun auch bei den Schlachthöfen greifen. Die Schlachthöfe müssen zeitnah geöffnet werden“, forderte Schulte to Brinke.

Ausser Frage stehe dabei, dass Gesetze und Hygienekonzepte eingehalten und umgesetzt werden müssten. Landvolkvizepräsident Jörn Ehlers mahnte, dass die Zeit dränge. „Die Liefer- und Produktionsketten müssen einfach weiterlaufen. Für dieses wie auch alle weiteren daraus resultierenden aktuellen Probleme brauchen wir schnelle, praktikable Lösungen und keine Sonntagsreden seitens der Politik“, erklärte Ehlers.

Tönnies will Lohnkosten zurück

Das Unternehmen Tönnies und weitere Subunternehmer haben Presseberichten zufolge beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Anträge auf Erstattung von Lohnkosten durch das Land Nordrhein-Westfalen gestellt. Das Infektionsschutzgesetz sieht die Erstattung vor, wenn Gesundheitsämter einen Betrieb schliessen und Quarantäne anordnen. Die Tönnies Unternehmensgruppe selbst teilte mit, dass sie mit ihrem Sofortprogramm zum Ausstieg aus dem Werkvertragswesen in den Bereichen Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung bis Jahresende vorankomme.

In einem ersten Schritt würden in einem Pilotprojekt 1 000 Beschäftigte bis 30. September direkt eingestellt, damit sich Arbeitsabläufe und -prozesse einspielten. Bis Ende des Jahres erfolge die gesamte Umsetzung an allen deutschen Standorten. Als weiteres Projekt werde die bisher analoge Zeiterfassung auf eine digitale Methode bis September umgestellt. „Wir packen diese Krise beim Schopfe“, erklärte der geschäftsführende Gesellschafter Clemens Tönnies. Diese Massnahmen seien nur der erste Schritt um zu beweisen, dass wir es ernst meinen und mit Hochdruck daran arbeiten, die neuen Anforderungen aus Politik und Gesellschaft zu erfüllen. Das Unternehmen wolle sich mit den angekündigten Veränderungen an die Spitze der Branche setzen, um auch zukünftig die neue Gesetzgebung vollumfänglich einzuhalten.

Faktencheck des Grossschlachters

Auf seiner Webseite hat Tönnies einen Faktencheck zum Unternehmen und den in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfen veröffentlicht. Darin wird darauf hingewiesen, dass nach einer unangekündigten Arbeitsschutzkontrolle durch die Bezirksregierung Detmold am 15. Mai dem Unternehmen bescheinigt worden sei, „sich beim Hygienekonzept im absoluten Einklang mit den Arbeitsschutzstandards des Bundesarbeitsministeriums zu befinden“. Auch bei weiteren Überprüfungen seien keine gravierenden Mängel festgestellt worden.

Tönnies wehrt sich auch gegen den Vorwurf, ein Produzent von Billigfleisch zu sein. Stattdessen sei das Unternehmen Marktführer bei Bioschweinefleisch und rund 22 % aller verarbeiteten Tiere stammten aus Haltungsformen über dem gesetzlichen Standard. Zudem sei das Unternehmen Vorreiter der Initiative Tierwohl (ITW) und unterstütze die Vorschläge der Borchert-Kommission. Angeforderte Adressen von festangestellten Mitarbeitern durch Behörden seien sofort übermittelt worden, über die Anschriften von Werkvertragsarbeitern hätten aus Datenschutzgründen nur die Subunternehmer verfügt, die umgehend zur Weiterleitung der Adressen aufgefordert worden seien. Die Bezirksregierung Detmold habe Wohnungen der Mitarbeiter kontrolliert, wobei keine gravierenden Mängel festgestellt worden seien.

Schlechte Wohnverhältnisse festgestellt

Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann legte in der vergangenen Woche die Ergebnisse einer Überprüfung von Wohnungen von Werkvertragsarbeitern im Rahmen einer Kontrolle zur Einhaltung von Corona-Arbeitsschutzstandards vor. Demnach wurden landesweit am 29. Mai rund 650 Unterkünfte für mehr als 5'300 Personen überprüft. Dabei wurden insgesamt 1'863 mittlere und gravierende Beanstandungen festgestellt.

Diese reichten vom einfachen Verstössen gegen Hygieneregeln, wie etwa das Fehlen von Desinfektionsmitteln in Kombination mit Überbelegungen bis hin zu Extremfällen wie Schimmelpilzbefall, Einsturzgefahr oder katastrophalen Sanitäreinrichtungen. Vier Wohnungen mussten aufgrund von erheblichen Baumängeln geräumt werden. 

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