14.10.2019 18:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Milchautomat verbessert Wirtschaftlichkeit
Um die Wertschöpfung bei der Milch zu erhöhen, geht die Familie Peter aus Steffisburg BE einen anderen Weg. Mit einem für die Schweiz neuartigen Selbstbedienungsautomaten konnten sie sich einen lokalen Markt schaffen. -> Mit Video

Ein schmaler Weg führt hinauf zum Hof Schlafhus der Familie Peter in der Gemeinde Steffisburg BE. Auf rund 700 Meter über Meer erwartet den Besucher ein wunderbares Panorama. Die rund fünf Kilometer entfernte Stadt Thun erscheint fern und ist doch so nah. Eine der Voraussetzungen, dass die junge Bauernfamilie ihr Projekt erfolgreich umsetzen konnte, war die Nähe zur Agglomeration Thun mit über 60'000 Einwohnern.

Preiszerfall bei Milch

Der 25 Hektaren umfassende Betrieb ist  auf Milchproduktion, Ackerbau und 360 Legehennen ausgerichtet. 2012 konnten Evelyne und Hansruedi den Betrieb übernehmen. Die Viehzucht, auf dem Betrieb leben 25 Kühe der Rasse Swiss Fleckvieh, ist eine Passion des Betriebsleiters. «Unser Land ist zudem geeignet für Milchkühe. Wir haben hier viel Futterbau», erklärt Hansruedi Peter. Doch der Preiszerfall bei der Molkereimilch machte ihm zunehmend Sorgen. Die Aufgabe der Milchproduktion war für das Ehepaar keine Option. Also suchten sie nach Alternativen.

«Wir sind überzeugt von der Qualität unserer Milch. Für uns war klar: Es gibt einen Weg, unser Produkt auf dem Markt besser zu positionieren und die Wertschöpfung zu erhöhen», erklärt Evelyne Peter. Bei den Eiern ist das der Familie bereits geglückt. Vor 17 Jahren hat die Mutter von Hansruedi Peter die Direktvermarktung etabliert, Peters Ehefrau führt diesen Betriebszweig erfolgreich fort. Sie konnten dadurch Erfahrungen sammeln und den Namen «Peter» und «Hof Schlafhus» bekannt machen. 

Standort bei Tankstellenshop

Im Sommer 2017 stiessen Peters auf ein Video eines Landwirts aus Bayern. Dieser kaufte bei der Milch Concept GmbH einen Selbstbedienungsautomaten. Dieser wurde deutschlandweit bereits weit über hundert Mal abgesetzt. Kurze Zeit später reisten Peters nach Bayern, um das Gerät im Einsatz zu sehen. Überzeugt kehrten sie zurück und entschieden sich für den Kauf.

Nun galt es, möglichst rasch einen Standort zu finden. Auf dem Hof selbst war dies nicht möglich, denn dieser liegt zu abgelegen. «Wir müssen zu den Kunden», erklärt Hansruedi Peter. Der Meisterlandwirt suchte das Gespräch mit der Landi Thun. Diese vermietete der Bauernfamilie beim Tankstellenshop Steffisburg eine geeignete Fläche. Eine hohe Kundenfrequenz war garantiert. Diese ist auch nötig, um täglich rund 100 Liter absetzen zu können.

Ein hartes Stück Arbeit

Der Kauf des Automaten benötigte viel Mut und war ein hartes Stück Arbeit. Die Familie steckte eine stattliche Summe Geld in das Projekt. Die Investition lag ohne Eigenleistungen bei rund 120'000 Frankem. Die grössten Posten waren mit rund 55'000 Franken der Automat und mit 27'000 Franken der Durchlauf-Pasteur. Dank diesem läuft die Pasteurisierung vollautomatisch ab, vom Aufheizen der Rohmilch bis hin zum Klarspülen mit Wasser. 

 Weiter gab es administrative Hürden zu meistern. Peters waren die Ersten, die einen solchen Automaten hierzulande installierten. Die Formalitäten mit dem Zoll, dem Eichamt und dem Lebensmittelinspektorat erforderten einen erhöhten zeitlichen Aufwand. Bei der Erledigung dieser Aufgaben und beim Marketing erhielten Peters grosse Unterstützung durch Evelynes Vater. Zu Diskussionen am Familientisch führte die Festlegung des Verkaufspreises. «Das war ein emotionaler Akt. Es braucht zuerst Überwindung, einen Liter Milch für 1.70 Franken zu verkaufen», erzählt Evelyne Peter. Doch die  Sorge sollte unbegründet bleiben.

Vollmilch

Um das Projekt in der Region bekannt zu machen, wurde eine Medienkonferenz durchgeführt sowie ein Flyer an 12'000 Haushalte verteilt. Am 21. April 2018 wurde der Automat in Betrieb genommen. Die Milch wird in eigene oder vor Ort erhältliche 1- und 0.5-Liter-Glas- oder PET-Flaschen abgefüllt. Mit Mehrweggebinden zielen die Peters auf den Zeitgeist. Denn damit lässt sich die Abfallmenge reduzieren.

Als Zahlungsmittel werden Bargeld, Debit- und Kreditkarten, Twint und Prepaid-Kundenkarten akzeptiert. Die pasteurisierte «Steffisburger Milch» wird als Vollmilch mit einem Fettgehalt von mindestens 4,0%  verkauft. «Es freut uns besonders, dass die Kunden die möglichst naturbelassene Milch schätzen», hält Evelyne Peter fest. 

Stundenlohn von 30 Fr.

Der Automat wurde zu einer Erfolgsgeschichte. In Steffisburg werden  pro Tag durchschnittlich 100 Liter Milch abgesetzt. «Es ist aber vor allem in den ersten Wochen nach der Eröffnung wichtig, vor Ort zu sein und mit den Kunden zu sprechen», sagt Hansruedi Peter. Das neue Konzept überzeugte auch die Landi Thun. Sie fragte bei Peters an, ob sie auch im Hohmad-Shop in Thun ihre  Milch verkaufen möchten. Peters waren erfreut und sagten rasch zu. Seit Februar gibt es dort die «Steffisburger Milch» zu kaufen. Pro Tag werden rund 40 Liter über einen Dispenser abgesetzt. 

Die Automaten haben die Wirtschaftlichkeit des Betriebszweigs Milch massiv verbessert. Auf dem Betrieb werden monatlich rund 12'000 Kilo produziert. Ein Drittel davon wird über die Direktvermarktung abgesetzt. Dieser Teil generiert mehr Umsatz als die zwei Drittel, die über die Aaremilch dem Handel geliefert werden. «Der Bruttoerlös von 1.70 Franken je Liter Milch gewährleistet beim gegenwärtigen Absatz die Amortisation der Investitionen innert fünf Jahren und generiert einen Stundenlohn von 30 Franken», rechnet Hansruedi Peter vor.

Neue Produkte

In den vergangenen Monaten haben Peters ihr Produktsortiment ausgebaut. Nun gibt es zwei Milch-Mischgetränke zu kaufen. «So erschliessen wir eine neue Zielgruppe, vor allem jüngere Personen», erklärt Evelyne Peter. Die Lancierung erfolgte auch deshalb, weil der Absatz von Mehrweggebinde rückläufig ist, da viele Kunden bereits Flaschen besitzen. Im Automaten wurden dadurch Kapazitäten frei.

Das Ziel von Peters ist es, bis in wenigen Jahren sämtliche Milch über Automaten zu vermarkten. In wenigen Wochen wird deshalb ein weiterer Standort in der Region eröffnet. Hansruedi Peter ermuntert die Berufskollegen, die Milch ebenfalls direkt zu vermarkten: «Es gibt noch zahlreiche geeignete Standorte.» 

Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden die Peters einen Teil der Preissumme Evelynes Vater als Anerkennung für die grosse Unterstützung überreichen. Den anderen Teil werden sie in das Projekt investieren.

-> Hier gehts zur Website vom Hof Schlafhus

Hat Sie das Projekt überzeugt? Dann geben Sie dem Projekt Ihre Stimme für den Leserpreis. Den Teilnahmetalon finden Sie unterhalb der Karte. Mit ein wenig Glück gewinnen Sie einen Preis.

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