17.10.2020 19:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Neue Käserei stärkt lokale Produktion
Hoch über dem Walensee haben sich Landwirte zusammengeschlossen. Unter der eigenen Marke produzieren und vertreiben sie Käse und Milchprodukte. Zudem forcieren sie die Zusammenarbeit mit dem Tourismus.

Der Ausflugsberg liegt terrassenförmig zwischen 1000 m und 1400 m über dem Walensee und dem Talort Flums. Die Aussicht von Flumserberg SG auf die Churfirsten und das Sarganserland ist beeindruckend.

Investitionen standen an

Bekannt ist der Ort auch als Wintersportdestination. Dank der Nähe zu Zürich profitiert das Gebiet von einer immer grösser werdenden Gästeschar. Davon wollen auch die Bauern der Region profitieren. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Landwirtschaft mit dem Tourismus zu verbinden. Der Weg zur gemeinsamen Alpkäserei Tannenboden, die leicht erhöht über Flumserberg liegt, war aber lang und brauchte Durchhaltevermögen

Seinen Anfang nahm das Projekt im Jahr 2010. Marco Gadient, der damals wie heute die Ortsgemeinde Flums-Grossberg präsidierte, brachte die Idee vor, die neun Alpen in eine neue Käserei zu überführen. «Auf den 20 bis 30 Jahren alten Alpbetrieben wären in den kommenden Jahren Investitionen angefallen. Eine neue Käserei würde neue Chancen ermöglichen. Zudem könnten Kosten gespart werden», erklärt der Landwirt, der rund 50 Braunvieh-Kühe sein Eigen nennt, die Beweggründe.

Agrarpolitik stärkte 

Doch die Bauern warteten noch die Ergebnisse der Agrarpolitik 2014–17 ab. Diese stärkte das Berggebiet. «Das gab uns politische Rückendeckung, um unser Projekt vorwärtszutreiben», sagt der 50-Jährige. In der Folge machte sich Gadient daran, die Alpen Bödem, Fursch, Grueb, Heidenberg-Gafröen, Matossa-Lauiboden, Molseralp, Panüöl, Prod und Tannenboden von der neuen Käserei zu überzeugen.

«Natürlich führte das zu Diskussionen. Denn diese Alpen produzierten ja ihre eigenen Käse und hätten noch einige Jahre weiterproduzieren können», führt Gadient aus. Auch holte er die Grundeigentümer der Alp, die Ortsgemeinden Flums-Grossberg und Flums-Dorf, mit ins Boot. Weitere Partner sind die Ortsgemeinden Oberterzen und Flums-Kleinberg sowie die Alpkorporation Mols. Anschliessend wurden die raumplanerischen Hürden gemeistert. 

50 Landwirte vereint

Im April 2018 schliesslich kam das Projekt zur Abstimmung. Die Ortsgemeinden hiessen das Projekt gut. Die Milchlieferverträge wurden ebenfalls unterschrieben. Im Herbst 2018 erfolgte der Spatenstich zur neuen Käserei, zum Käsekeller sowie zur Restauranterweiterung der Sennästube auf der Alp Tannenboden.

Insgesamt wurden 5,6 Millionen Franken in den Neubau investiert. Es sei das erste solche Projekt im Ostschweizer Kanton, sagt Gadient. Nebst den Ortsgemeinden haben Bund, Kanton und die Berghilfe  Beiträge gesprochen. «Mit dem Neubau wurden Produktion und Landwirtschaft sowie Gastronomie entflochten. Im Mai 2020 erfolgte das Einkäsen. 

50 Landwirte vereint

In der neuen Käserei wird die Milch von rund 470 Kühen von 50 Landwirten verarbeitet. «95 Prozent der Tiere stammen aus der Region. Bei uns ist es Tradition, mit den Kühen die Alpen zu bestossen», erklärt der Milchbauer. Während 120 Tagen werden 450'000 bis 500'000 Kilo  Milch von den verschiedenen Alpen täglich auf den Tannenboden gebracht.

Die Produktion ist auf 9000 Laibe pro Jahr ausgelegt. Der Käsekeller verfügt über eine Kapazität von 12'000 Laiben à 4,5 bis 5 Kilo. «Ein Viertel ist für die Lagerung vorgesehen. Diese Reserve erachten wir als  sinnvoll», fährt er fort. 

Eigene Marke kreiert

Gleichzeitig mit dem Bau der Käserei haben die Bauern den Verein Alpkäserei Flumserberg gegründet. Dieser ist für den Betrieb der Käserei und das Marketing verantwortlich. «Unser Ziel ist es, dass die Produktion und die Vermarktung der Alpprodukte zentral abgewickelt wird», erklärt Marco Gadient. 

Ein wichtiges Puzzleteil ist die Marke «Alpkäse Flumserberg». Diese wurde bereits Jahre vor dem Bau der neuen Käserei entwickelt und positioniert.  «Durch die gemeinsame Vermarktung wird die Marke in der Region gestärkt und nach aussen besser präsentiert», erklärt Gadient.

Wertschöpfung hochhalten

Das Ziel der Milchbauern ist es, die Wertschöpfung zu erhöhen und damit die lokale Produktion zu stärken. «Wir streben einen Milchpreis von 90 Rappen je Kilo an. Ob wir das erreichen, wird sich im kommenden Frühjahr zeigen», so Gadient. Wichtig sei aber die Langfristigkeit des Projekts. «Es ist auf mindestens 20 Jahre ausgelegt.

Eine nachhaltige Alpwirtschaft ist somit garantiert und schafft für die beteiligten Landwirte Sicherheit», macht er deutlich. Ziel sei es deshalb nicht, die Produktion zu steigern, sondern die Wertschöpfung hochzuhalten. «Unser Ziel ist es, dass keine Milch mehr in den Industriekanal fliesst», macht Gadient deutlich. 

Tourismus eingebunden

Ein wichtiges Element des Gemeinschaftsprojekts ist die Verbindung der Alplandwirtschaft mit dem Tourismus. Die Flumserberge seien das grösste Tourismusgebiet des Kantons St.Gallen. «Wir arbeiten mit den Bergbahnen zusammen. In einem attraktiven Verkaufsstand gibt es die Produkte der Alpkäserei zu kaufen», so Gadient. Auch beim Marketing spanne man zusammen.

Mit der Erweiterung des Restaurants, das nun über 80 Plätze verfügt sowie den neuen Kinderspielplatz, ist die Alp auch ein beliebtes Ausflugsziel, das das ganze Jahr erreichbar ist. «Wir ergänzen uns gegenseitig. Die Besucher erhalten bei uns Einblick in die Käserei, können Führungen buchen oder beim Brauchtumskäsen selbst Hand anlegen. Damit erhöhen wird die Attraktivität des Restaurants», nennt Gadient einige der Punkte.

Zudem könnten die Besucher die Alpwirtschaft hautnah erleben. Jeden Tag werden die Kühe um 15 Uhr von der Weide in den Stall getrieben. Der Verein wiederum profitiere davon, dass die Besucher Produkte im Laden des Restaurants einkauften. 

Vielfältiges Angebot

Wichtig ist für den Verein, eine möglichst grosse Vielfalt an Produkten herzustellen. Dies deshalb, um möglicht viele Kunden anzusprechen. Das Sortiment umfasst deshalb einen Alpkäse, Alpmutschli in fünf Sorten, Raclettekäse sowie einen Camembert. Abgerundet wird das Angebot durch Joghurt, Alpbutter und Molkedrinks. «Diese Vielfalt war mit der alten Struktur nicht möglich», sagt Sepp Gadient, Produktionsverantwortlicher des Vereins. Die Preise der Käse bewegen sich zwischen 18 bis 36 Franken pro Kilo. 

Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie das Preisgeld in das Marketing und in neue Produkte investieren. «Eine Idee wäre ein Hornkäse», lächelt Sepp Gadient. 

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