3.06.2020 10:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruedi Roth
St. Gallen
Ärger über lärmende Tempobolzer
Röhrender Motorenklang und starke Beschleunigung empfinden viele Motorradfahrer als puren Adrenalinkick. Anwohner und Landwirte an Passstrassen fordern von den Verkehrsteilnehmern mehr Rücksicht.

Die Freizeitbeschäftigung Motorradfahren beginnt jedes Jahr früher. So sehen es zum Beispiel viele Anwohner der Toggenburger Gemeinde Hemberg. Dass der Zustrom von Töfffahrern jährlich mehr wird, gilt für die Hemberger aber grundsätzlich nicht als Problem. Viel mehr Sorgen bereitet ihnen die Fahrweise der Hobbysportler.

Tempobolzerei

«Irgendwann habe ich genug. Dieses rücksichtslose Vorbeirasen an meinem Bauernhof ist nicht mehr tolerierbar», ärgert sich Ueli Knöpfel aus Bächli (Hemberg). Sowohl sein landwirtschaftliches Betriebsgebäude als auch das Wohnhaus sind unmittelbar an der Durchgangsstrecke Hemberg–Schwägalp gelegen. Für den Landwirt und seine Familie sind die Motorradfahrer zu einem Hassobjekt geworden.

«Die Lärmbelastung ist ja schon enorm. Aber noch mehr Probleme macht uns die Tempobolzerei verschiedener Töffpiloten.» Für Ueli Knöpfel ist das Einführen der Futterernte oder der tägliche Herdentrieb auf der Strasse an gewissen Tagen nur noch mit grösster Vorsicht möglich. Und an Wochenenden mit motorradfreundlichem Wetter wollen Knöpfels lieber weg von zuhause. 

Tempoeinschränkung

Schon vor dreissig Jahren haben Ueli Knöpfels Eltern Kontakt aufgenommen mit Behörden, welche für die Sicherheit im Verkehr zuständig sind. Die Anliegen seien aber immer im Sand verlaufen. Jetzt will der Landwirt einen neuen Versuch wagen und sich mit der Verkehrspolizei des Kantons St.Gallen in Verbindung setzen.

«Ich verstehe die Menschen schon, dass sie das Pilotieren des Motorrads als Spass empfinden. Aber bei vielen von ihnen ist die Rücksicht gegenüber anderen Menschen schlicht nicht vorhanden», fasst der Landwirt die Situation aus seiner Sicht zusammen. Nur zu gerne würde er mit grossen Transparenten seine Missgunst gegenüber den Motorrädern veröffentlichen. Dass aber die Selbstjustiz kein Ziel bringt, ist ihm klar. Er will jetzt einen neuen Anlauf nehmen, um die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf der Strasse bei seinem Hof zu vermindern.  

Ein wachsendes Problem

Philipp Sennhauser, Leiter Verkehrspolizei des Kantons St.Gallen, kennt die Anliegen der betroffenen Bevölkerung. Immer häufiger erreichen ihn diesbezügliche Mails und Telefonate. Und die Polizei nimmt sich der Problematik an. Seit einigen Jahren schon existiert im Gebiet am Stoss eine Interessengemeinschaft, welche sich gegen die Belastung durch übermässigen Strassenlärm wehrt. Mit dieser beispielsweise steht Philipp Sennhauser in Kontakt und entsprechende Massnahmen werden umgesetzt.

«Die Geschwindigkeits- und Verkehrskontrollen auf dieser Strasse werden jetzt häufiger durchgeführt. Aber es gibt natürlich auch Motorradgruppen, welche die Strecke vor ihrer «Rennfahrt» nach Radarkontrollen absuchen», weiss Philipp Sennhauser aus Erfahrung. Er weist auch darauf hin, dass der Personalbestand der Kantonspolizei schlicht zu klein sei, um ständig und überall mobile Radarkontrollen zu tätigen. Trotzdem probiert er seine Aufgabe zu erfüllen und alle zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen. Philipp Sennhauser will auch das Problem bei Ueli Knöpfels Betrieb inspizieren und nach Möglichkeit Massnahmen einleiten.

Lärmbelastung

«Ob ein Motorrad zu laut tönt oder nicht, ist für uns Polizisten fast nicht möglich vor Ort zu kontrollieren», erklärt der Leiter der Verkehrspolizei. «Alle Modelle kommen mit den üblichen, vorhandenen Lautstärken aus ihren Herstellungswerken. Wenn daran nichts verändert wird, kann auch keine Anzeige erstattet werden.» Zudem weist er darauf hin, dass keine absolute Dezibel-Limite existiert. Um dies zu ändern, wäre ein politischer Vorstoss nötig und die Vorschriften müssten angepasst werden.

Er stellt auch klar, dass der Lärm nicht als Unfallverursacher bezeichnet werden kann. Für Philipp Sennhauser sind verschiedene Faktoren zuständig für die Probleme Lärm und Raserei. Am meisten tadelt er aber die Rücksichtslosigkeit der Motorradfahrer gegenüber der restlichen Bevölkerung. «Es gibt sehr viele Menschen, welche ihr Gefährt anstandslos steuern. Aber es gibt eben auch andere. Sie suchen das Risiko, und das eigene Erlebnis steht an erster Stelle.»

Die Leidenschaft

Franz Kuster aus Rapperswil fährt schon seit über 30 Jahren Motorrad. Für ihn und seine Kollegen ist diese Art von Fortbewegung ein Genuss, eine Leidenschaft, welche sie nicht missen wollen. Sie wissen aber auch, dass es nicht wenige Motorradfahrer gibt, welche den Bogen überspannen.

«Diese Piloten stellen den Rennfahrer dar und überholen alles, was in den Weg kommt», beschreibt Franz Kuster die Szene. Aus seiner Sicht hat die Anzahl Motorräder auf den Strassen in den letzten Jahren klar zugenommen. « Ja, und es stimmt: Wir Motorradfahrer denken wenig an die Folgen unserer Leidenschaft bei den betroffenen Anwohnern.»  

Gegenseitige Toleranz

Susanne Raschle vom Dorfladen in Bächli (Hemberg) kann eine leichte Resignation nicht verbergen. «Die Gesellschaft ist unterschiedlich gefärbt. Und sie hat verschiedene Bedürfnisse. Aber es passt irgendwie nicht, dass ein landwirtschaftlich geprägtes Bergdorf auf diese Weise seine Ruhe verliert.» Sie und andere Anwohner sind enttäuscht über das zunehmende Aufkommen der Motorradszene.

Es wäre ihnen angenehm, wenn seitens der Behörden mehr Einschränkungen für die Motorradfahrer verwirklicht würden. «Wir werden den Zustand wohl so tolerieren müssen. Und wir wünschen, dass sich auch die Gegenseite Toleranz und Rücksicht auf die Fahne schreibt.»


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