16.10.2019 10:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Katrin Müller
Blog
Biobetriebe sind eine Seltenheit
Für ein Austauschsemester ist die Agronomie-Studentin Katrin Müller gemeinsam mit Freund Simon Küng nach Schottland gereist. Dort arbeitet sie an den Wochenenden auf einer grossen Milchfarm. Sie erzählt auf schweizerbauer.ch von ihren Erlebnissen.

Jeden Tag fahren wir mit unseren Fahrrädern zum College. 16 Meilen, umgerechnet 27 km beträgt die Strecke, die wir so tagtäglich zurücklegen. Für einen Weg benötigen wir zwischen 40 und 50 Minuten. Eine Alternative gibt es für uns nicht. 

Verkehrschaos

Der Verkehr in Edinburgh ist ein riesiges Problem. Sogar die dreispurige Hauptstrasse bietet den Pendlern nicht genügend Platz. Zu den Stosszeiten ist alles verstopft und blockiert. Sogar als Fahrradfahrerin steht man im Stau. Und zudem verwandelt sich die Strasse während dieser Zeit in eine unglaublich gefährliche Zone. 

Wir haben bereits viele brenzlige Situationen hinter uns. Oft sind es Autofahrer, die beim Einbiegen auf die Hauptstrasse die Fahrradspur nicht überprüfen. Die gefährlichen Strassen vermeiden wir deshalb wann immer möglich. Einige Abschnitte unseres Weges fahren wir daher auf sicheren Fahrradwegen. 

Mit dem Auto zur Schule zu fahren ist für uns keine Option. Wegen des Staus bräuchten wir mehr als eine Stunde. Es wäre zudem nicht ungefährlicher und dazu kommt, dass unser College keine Parkplätze zur Verfügung stellt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln müssten wir für eine pünktliche Ankunft zum Unterrichtsbeginn zwei volle Stunden einrechnen. Das Fahrrad ist für uns trotz aller Hindernisse das schnellste und stressfreiste Fortbewegungsmittel.

Tieferer Lebensstandard 

Die Infrastruktur der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) ist im Vergleich zu Scotland’s Rural College deutlich besser ausgestattet. Eine Mensa gibt es hier keine. Nach einer Mikrowelle sucht man ebenfalls vergeblich. Die Studenten essen hier jeden Mittag Sandwiches.

Die Bibliothek ist deutlich kleiner und hat zum grössten Teil veraltete Bücher, die meiner Meinung nach nicht für aktuelle wissenschaftliche Arbeiten verwendet werden können. Das älteste Buch, das wir bis jetzt gefunden haben, wurde 1960 das erste Mal in dieser Bibliothek ausgeliehen. Einmal mehr wird uns bewusst, dass der hohe Lebensstandard der Schweiz mit Schottland in keinem Bereich vergleichbar ist.

Bio-Lebensmittel: Eine Seltenheit

Der tiefere Lebensstandard in Schottland fällt auch in Lebensmittelläden auf. Praktisch keine biologischen Produkte gibt es zu kaufen. In den Regalen finden sich Karotten, Joghurt, Milch und Honig mit Biosiegel. Der neue Manager Mike Malone der Linns Farm erklärt uns: «Biologische Produkte sind hier wenig gefragt. Die Menschen geben ihr Geld lieber für etwas anderes aus, als teure Lebensmittel zu kaufen. Hier in Schottland gibt es fast keine biologischen Farmen. Denn die dreijährige Umstellungszeit ist sehr teuer.» 

Betriebsspiegel

Die Linns Farm gehört Michael Kyle und wurde bis Mitte 2019 von ihm geführt. Seit August ist Mike Malone für den Betrieb verantwortlich. Die Linns Farm liegt in Dumfries. 700 Kühe der Rasse Kiwicross und Jersey grasen auf 380ha. Die Kühe sind das ganze Jahr draussen auf der Vollweide. Nur bei nassen Zeiten im Winter werden sie in einem offenen Laufstall gehalten. Der Leistungsdurchschnitt pro Kuh liegt bei 5000 Kilo pro Jahr. Die Milchproduktion pro Jahr liegt bei rund 3.5 Millionen Kilo Milch.

Malone erklärt uns dies anhand eines Beispiels einer Milchfarm. «30 Pence (38 Rp.) Umstellungskosten pro Kilo Milch hat eine Milchfarm während der dreijährigen Umstellungszeit. Die Milch muss während diesen Jahren als konventionelle Milch vermarktet werden. Der Preis dieser Milch schwankt im Moment um die 30 Pence pro Kilo. Es ist Glückssache, ob man in den Jahren danach durch den höheren Bio-Milchpreis mit einer biologischen Farm wirtschaftlich ist», erklärt Mike Malone, der auch als landwirtschaftlicher Berater tätig war.

Keine praktische Erfahrung

Das Schulsystem ist in Schottland komplett anders aufgebaut. Nach einem Maturitätsabschluss können Schüler und Schülerinnen das Studium am Scotland’s Rural College (SRUC) ohne Praktikum auf einer Farm beginnen. Die ersten zwei Schuljahre am College sind mit der landwirtschaftlichen Lehre der Schweiz zu vergleichen. 

Grundlagen werden unterrichtet. Die meisten Studenten hier haben aber keine praktische Erfahrung auf einem Landwirtschaftsbetrieb. Viele Schülerinnen und Schüler wirken hier im Vergleich zu unserer Hochschule sehr unmotiviert und uninteressiert. 

Unmotivierte Mitschüler 

Hier in Edinburgh dürften rund 80 Prozent der Studenten weiblich sein. An der HAFL in Zollikofen ist die Verteilung ausgeglichener. Die Klassen in Schottland sind je nach Fach anders zusammengestellt. Auch Zoofachleute studieren hier beispielsweise Tierernährungstechnologien (Animal Feed Technlogy) mit uns landwirtschaftlichen Studenten zusammen. Leider bringen nur wenige Studenten Fachwissen in den Unterricht mit.

Wir sind froh und freuen uns, bald wieder in Dumfries auf der Linns Farm aushelfen zu dürfen. Die gute Landluft vermissen wir hier in Edinburgh sehr.

Über uns

Katrin Müller aus Bern-Liebefeld und ihr Freund Simon Küng aus Sumiswald BE absolvieren auf der Linns Farm ein Praktikum. Beide haben die landwirtschaftliche Lehre abgeschlossen und studieren an der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) Agronomie. Das erste Semester des zweiten Studienjahres absolvieren sie an der Scotland Rual College (SRUC) in Edinburgh. Beide sind grosse Naturfreunde und arbeiten gerne mit Tieren.

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