16.09.2019 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Katrin Müller
Blog
Fast 100 Kühe zum Metzger
Für ein Austauschsemester fährt die Agronomie-Studentin Katrin Müller gemeinsam mit Freund Simon Küng nach Schottland. Zwei Monate wollen sie bauern, auf einem Betrieb mit 700 Milchkühen. Für schweizerbauer.ch berichten sie von ihren Erlebnissen.

Die aktuelle Zellzahl und Keimzahl wird jeden Tag unserem neuen Manager Mike Maloney per Mail zugestellt. Es besteht der Verdacht auf Staphylococcus aureus. Denn die Zellzahlen schwanken täglich stark um 200'000 Zellen pro ml Milch.

Es ist ein grosses Problem, diesen Erreger wieder aus der Herde zu bringen. Deshalb werden ab sofort sämtliche Milchaggregate nach dem Melken von potenziell infizierten Kühen desinfiziert. 

Trächtigkeitskontrolle – 554 Kühe trächtig

In der vergangenen Woche war zudem Trächtigkeitskontrolle angesagt. Nicht weniger als 650 Kühe wurden untersucht. Der Besamer, der die Kühe während der Besamungszeit begleitete, wurde für die Kontrolle engagiert. Er untersuchte die Tiere mit einem Ultraschallgerät. 

Resultat: 85,3% Tiere der Herde sind trächtig. Für unseren neuen Manager Mike Maloney kein überraschendes Ergebnis. Sein Ziel für das Jahr 2020: Über 90% trächtige Tiere. Die 96 nicht trächtigen Kühe werden auf Ende Monat geschlachtet. Dies deshalb, weil das Futter knapp ist. Die nicht trächtigen Kühe zu füttern wäre somit nicht rentabel.

Betriebsspiegel

Die Linns Farm wird von Michael Kyle geführt. Er ist Inhaber und Manager. Neben der Vollzeitangestellten helfen auch drei Studenten mit. Die Linns Farm liegt in Dumfries. 700 Kühe der Rasse Kiwicross und Jersey grasen auf 380ha. Die Kühe sind das ganze Jahr draussen auf der Vollweide. Nur bei nassen Zeiten im Winter werden sie in einem offenen Laufstall gehalten.

Mehr als 2000km entlang der Nordküste

Vor dem Schulbeginn reisten wir die letzten Tage entlang der Nordküste. Es war die letzte Gelegenheit, eine längere Reise zu geniessen. Bis zu den Prüfungen im Dezember haben wir keine Ferien. Mit dem Ford Focus fuhren wir entlang der Nordküste Schottlands. Die Route ist als North Coast 500 bekannt. 

Wir übernachteten günstig. Das heisst, gemütlich im warmen Schlafsack im Zelt, zusammengerollt im Auto oder bei Gelegenheit in einem Bothy. Bothies sind abgelegene Berghütten, die früher Schäfern und Jägern Unterkunft boten. Heute dienen diese Berghütten vor allem Wanderern und Touristen. Die Hütten sind mit einer einfachen Feuerstelle und Holzliegeflächen zum Schlafen ausgestattet. Das Übernachten in Bothies ist gratis.

Ausgestorbene Landwirtschaft

Im Norden Schottlands ist die Landschaft karg. Gräser wachsen hier keine mehr. Kleine Büsche und Erika-Blumen bewachsen die Felder. Nur wo etwas Fressbares wächst, grasen Schafe. In Regionen mit mildem Meerklima sind einige schottische Hochlandrinder zu sehen. Ansonsten ist die Landwirtschaft im Norden inexistent.  

Etwas weiter unten im Süden grasen Fleischrinder und Mutterkühe. Silageproduktion ist hier möglich. Die Siloballen werden hier mit hellblauer Silofolie gewickelt. Milchproduktion und intensive Landwirtschaft gibt es nur im Süden Schottlands.

Schulbeginn in Edinburgh

Vergangene Woche fand der Einführungstag an unserer Partnerschule SRUC (Scotland’s Rural College) in Edinburgh statt. Im Campus wurden alle Erasmus-Studierende empfangen. Studenten und Studentinnen aus Deutschland, Holland und Frankreich werden mit uns die nächsten Monate, nebst den einheimischen Schotten und Schottinnen, lernen. 

Die Wohnungssuche in Edinburgh war schwierig. Es gibt mehr Leute, die in Edinburgh wohnen wollen, als es Wohnungen gibt. Wir als Ausländer hatten fast keine Chance. Ein netter und einfühlsamer Landlord (Wohnungseigentümer) verstand unsere Situation. Unser gesamtes Einkommen mussten wir beweisen. Er hatte Angst, dass wir die Wohnungsmiete nicht bezahlen werden. Doch als alles geklärt war, erhielten wir die Wohnung ohne Probleme. 

Praktische Erfahrung auch im Winter

Während unserer Zeit an der SRUC werden wir jeden Monat für ein langes Wochenende zurück auf die Linns Farm in Dumfries reisen. Denn auf der Farm hat es zu wenig Angestellte, damit alle Vollzeitangestellten genügend Freitage beziehen können. So können wir aushelfen und das kommt uns entgegen. Wir sind gespannt, welche Veränderungen sich in den Wintermonaten auf der Farm einstellen werden. Alle Kühe im Boxenlaufstall zu sehen wird imposant. 

Meine Erlebnisse aus Dumfries und aus Edinburgh werde ich regelmässig im Schottland-Blog auf schweizerbauer.ch veröffentlichen. 

Über uns

Katrin Müller aus Bern-Liebefeld und ihr Freund Simon Küng aus Sumiswald BE absolvieren auf der Linns Farm ein Praktikum. Beide haben die landwirtschaftliche Lehre abgeschlossen und studieren an der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) Agronomie. Das erste Semester des zweiten Studienjahres absolvieren sie an der Scotland Rual College (SRUC) in Edinburgh. Beide sind grosse Naturfreunde und arbeiten gerne mit Tieren.

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