11.11.2018 06:02
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Integration
«Ich träume vom Bauern»
Seit 2015 lebt der Eritreer Johannes Abraha in der Schweiz. Im Rahmen eines Pilotprojekts kam er zur Familie Bienz nach Neuenegg BE. Wie in seiner Heimat bauert er hier. Die Arbeit gefällt ihm, obwohl vieles anders ist.
«Ich komme aus dem Süden Eritreas. Dort habe ich die Schule besucht und mit meiner Mutter auf einem kleinen Bauernhof gearbeitet. Wir hatten Ziegen, Esel, Ochsen und Hühner. Die Ziegen haben wir gemolken, die Esel brauchten wir zum Transportieren von Wasser und Holz und die Ochsen zum Pflügen.» Johannes Abraha spricht in gutem Deutsch.

Leise und etwas zögerlich redet er von seiner Heimat. Warum er sie verlassen und was er alles erlebt hat, klammert er bei seinen Erzählungen aus. Nachdem er 2015 in die Schweiz kam, fing er mit einem Deutschkurs an und arbeitete in einem Reinigungsunternehmen. Aber eigentlich wollte er immer zurück in die Landwirtschaft. «Es war  immer mein Traum, auf dem Land zu arbeiten, wie zu Hause», erzählt er.

Über die Caritas kam der heute 27-jährige anerkannte Flüchtling in Kontakt mit Karin Oesch vom Berner Bauernverband. Sie machte ihn auf ein Pilotprojekt aufmerksam. Eine Vorlehre Integration in der Landwirtschaft. Nach einem Jahr sollen die Projektteilnehmer dank der Vorlehre fähig sein, eine Berufslehre auf dem Gebiet der Landwirtschaft anzufangen (siehe Kasten).

Abraha war sehr interessiert  und meldete sich fürs Pilotprojekt an. So kam es, dass er jetzt am Tisch der Bauernfamilie Bienz in Neuenegg BE sitzt. Seit drei Monaten arbeitet er bei ihnen an drei Tagen in der Woche. An zwei Tagen besucht  er an der Rütti in Zollikofen BE die Schule. Dort lernt er alle wichtigen Begriffe rund um die Landwirtschaft ebenso wie den Umgang mit verschiedenen Maschinen.

Traktorfahren kann er bereits, das war Peter Bienz wichtig. Der Bauer und seine Frau entschieden sich als eine von zwölf Bauernfamilien im Kanton Bern, einen jungen Mann als Ausbildner zu betreuen. «Traktorfahren und gute Deutschkenntnisse, das waren für mich die Voraussetzungen», so Bienz. Der Landwirt sitzt gegenüber von Abraha am Küchentisch, hinter ihm arbeitet seine Frau Edith Bienz. Seit acht Jahren bildet Peter Bienz Lehrlinge aus, und er war interessiert an dem Projekt. «Ich hatte das Gefühl, dass es guttut, da mitzuarbeiten», sagt er. Er wollte probieren, mit einem Menschen aus einer anderen Kultur zusammenzuarbeiten.

«Dank seinen guten Deutschkenntnissen können wir uns  verständigen. Selbst mit dem  Berndeutsch geht es langsam.» Bienz schaut Abraha an. Dieser wehrt ab und sagt, er könne noch zu wenig gut Deutsch. Und Berndeutsch sei sowieso schwierig. «Das ist schade, ich würde gern mehr mit den vier Kindern der Familie spielen, sie sind lustig und lachen viel, aber wir verstehen uns noch nicht so gut.» Bienz widerspricht und sagt, dass Abraha bereits sehr gut Hochdeutsch könne. «Und das mit dem Berndeutsch kommt auch gut: Wenn ich dem anderen, dem Schweizer Lehrling, auf Berndeutsch etwas erkläre, weiss Johannes meist Bescheid, worum es geht.» Ganz allgemein ist Bienz zufrieden mit seinem Lehrling. «Johannes ist sehr interessiert, gewissenhaft, pünktlich und hat eine gute Auffassungsgabe. Wiederkehrende Arbeiten kann er schon problemlos selbstständig ausführen», so der Bauer. 

Arbeit im Grünen

Abraha gefällt die Arbeit mit den Tieren und er ist wohl, wenn er «in der Natur, im Grünen sein kann», sagt er. Edith Bienz lacht, als sie das hört. «Grünes hat es bei uns wahrlich genug, nicht wahr.» Sie schaut Abraha an und sagt es noch einmal auf Hochdeutsch. Sie bezieht sich auf die Bäume und die Wiesen rund ums Bauernhaus. Es befindet sich mitten im Wald auf einer grossen Lichtung. Abraha lächelt.

Edith Bienz war auch einverstanden, einen jungen Mann aus einer anderen Kultur als Lehrling aufzunehmen. «Wir mussten das als Familie entscheiden», sagt sie. Jetzt scheint sie zufrieden damit, wie es läuft. «Wir sind neun Personen am Tisch, da ist immer etwas los, und es ist schön, jemanden mit einem ganz anderen Hintergrund dabei zu haben.» 

Die Fragen rund uns Essen gaben im Vorfeld des Projekts zu reden, sagt Peter Bienz. «Man wusste nicht so recht, ob das kompliziert werden könnte, weil die Lehrlinge unser Essen vielleicht nicht wollten.» Bei Abraha ist das nicht der Fall. Der orthodoxe Christ isst kein Schweinefleisch, sonst schmecke ihm aber alles gut.

Viel Ungewohntes

Obwohl alles gut zu funktionieren scheint, ist vieles für Abraha hier ungewohnt. «Es ist sehr anders als zu  Hause», sagt er. Besonders der Umgang mit den «modernen Maschinen». «Mit einem Anhänger vor- und rückwärts fahren funktioniert schon gut», erzählt Bienz. Richtige Manöver müssten noch geübt werden. «Aber du hast schon Riesenfortschritte gemacht», sagt er zu Abraha. Dieser lächelt und schaut zu Boden.

Nach dem Jahr bei Familie Bienz will er die Lehre zum Landwirt in Angriff nehmen. Wo, ist noch ungewiss. Aber er will  nicht mehr von seinem Traum, in der Landwirtschaft zu arbeiten, abrücken. 
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