11.11.2019 19:19
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Schwingen
«Ich weiss nicht, warum ich so gut bin»
Michelle Brunner ist Schwingerköngin. Sie wisse selbst nicht, warum sie so gut sei, erzählt sie in Rieden SG auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Diese sind besonders stolz auf ihre Tochter, die dereinst den Betrieb übernehmen will. Mit Video

Es ist der  29. September.  Ein sonniger Herbsttag. Wanderer zieht es nach draussen. Am Mittag ist die Alpwirtschaft Wielesch in Rieden SG bis auf den letzten Platz besetzt. Ruth und Ruedi Brunner bedienen die hungrigen Gäste unermüdlich. Aber eigentlich steht ihnen der Sinn nach etwas anderem. Ruedi geht immer wieder nach drinnen, schaut auf den kleinen Fernseher und rechnet. Ob es wohl reichen wird? Über den Bildschirm flimmern Bilder seiner Tochter Michelle. Sie ist am Schwingen. Am Eidgenössischen Schwingfest in Menznau LU. Es wird knapp. Aber es könnte reichen. Sie könnte  Schwingerkönigin werden.

Einen Juchzer losgelassen

Anders als beim Schwingen der Männer, bei denen der Ausgang des Eidgenössischen Schwingfests bestimmt, wer Schwingerkönig wird, zählt bei den Frauen die gesamte Wertung einer Saison. Michelle Brunner ging mit der besten Wertung ins Rennen, aber ihre Konkurrentin, Titelverteidigerin Diana Fankhauser, war ihr dicht auf den Fersen. Das Eidgenössische Schwingfest würde über den Titelgewinn entscheiden. Nach der sechsten Gang ist es aber klar: Michelle hat es gereicht. Sie ist Schwingerkönigin. 

«Als wir das sahen, haben wir einen Juchzer losgelassen», erzählt Karin Brunner. Und die Gäste haben sich gewundert, was los ist. Sie lacht. Michelle selbst konnte es lange gar nicht glauben und war etwas überwältigt. Jetzt freuen sich aber alle zusammen, während sie auf den Tag zurückblicken. Mittlerweile liegt der Sieg schon einen Monat zurück. Das Alprestaurant ist geschlossen. Die Tiere im Tal. Nebel hängt tief über dem Boden. Brunners sitzen in der Küche auf dem Bauernbetrieb von Michelles Eltern in Rieden SG. 

Betriebsspiegel
Michelle Brunners Eltern führen einen ÖLN-Betrieb mit 30 Hektaren. Der grösste Teil des Landes liegt in der Bergzone II. Sie haben 24 Milchkühe und etwa gleich viel Jungvieh. Die Milch geben sie in die gängigen Absatzkanäle. Im Sommer geht ein Teil ihrer Kühe auf eine Alp. Sie selbst führen eine Alpwirtschaft auf 1160 Metern über Meer, in der auch Rinder sind. jul

Pläne für die Zukunft

Die 21-jährige Zimmerin Michelle wohnt zwar mittlerweile in Benken SG und arbeitet in St. Gallen-Kappel. Sie kommt aber oft nach Hause und hilft mit.   «Öppä hoffentlich, wenn sie immer  Kälber heimbringt», sagt ihr Vater und lacht. Er war früher selber Schwinger und  spielt auf die beiden Lebendpreise, Kuh Jenny und Kalb Melinda, an, die Michelle an zwei von ihren drei Festsiegen gewonnen hat. Sie hilft aber nicht nur, weil sie ihre eigenen Tiere auf den Betrieb gebracht hat, sondern weil es ihr gefällt. Ihr Plan ist es, den Betrieb einmal zu übernehmen, zusammen mit ihrem Freund. Ein Bauernsohn und Landwirt. 

 Ein Naturtalent

Bis es so weit ist, geniesst sie aber zunächst mal  ihren Erfolg. Nun ist sie das Aushängeschild des Frauenschwingclubs Linth, bei dem sie seit 2007 trainiert. Wenn die Saison wieder beginnt, wird sie wieder zwei Mal in der Woche gehen. «Auch letzte Saison habe ich nicht übertrieben viel trainiert», sagt sie. Warum ist sie dann so gut? «Ich weiss gar nicht, warum ich so gut bin», sagt sie  und lächelt.

Sie sei mental einfach parat gewesen, und im Gegensatz zu anderen Schwingerinnen habe sie viel Kraft. «Das ist mein Vorteil», sagt sie. Ob sie denn ein Naturtalent sei.  Michelle Brunner lacht. «Wahrscheinlich schon», sagt sie und lächelt bescheiden. Dann steht sie auf und geht nach draussen. Trotz des nebligen Wetters wollen die Tiere versorgt sein. 

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