28.03.2020 13:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Säumerblog (6/10)
Mit 600-kg-Pferd über Holzlatten
Der Förderverein Sbrinz-Route organisiert jährlich eine spezielle Wanderwoche mit einem historischen Saumzug. Redaktorin Anja Tschannen war mit ihrem Freibergerpferd Teil des Saumzuges und berichtet in ihrem Blogtagebuch über die Erlebnisse auf der 150 Kilometer langen Sbrinz-Route von Stansstad NW bis nach Domodossola (I).

Es ist kurz vor fünf. Als erstes klebe ich meine Füsse mit Blasenpflaster voll, gestern hat es nämlich die erste und bisher einzige Blase gegeben, die ist vermutlich auf die nassen Schuhe zurückzuführen.

Haydo und Tina stehen munter da. Regenmantel und Gurt entfernen. Heute kann gebastet werden, die Schwellung ist abgeklungen. Mit neuem Tatendrang geht es los. Etwas mehr als 1100 Höhenmeter gilt es am Morgen zu bezwingen. Kein Wunder also, dass wir so früh auf mussten. 

Mit 73 Jahren auf der Sbrinz Route 

Wunderschöne kleine Wege führen uns zum ersten Zwischenhalt vor dem grossen Aufstieg. Dort wartet eine Überraschung. Die Sbrinz-Routen-Crew hat ein grosses Stofflaken verziert «Viel Glück zum Geburtstag, lieber Reto», steht dort, und nimmt uns, allen vorab Reto mit seinen zwei Haflingerstuten, in Empfang. Wie aufmerksam und schön von ihnen.  73 Jahre und zum vierten Mal auf der Sbrinz-Route. Ein Vorbild.

Wenn ich mit 73 Jahren gesundheitlich auch noch in der Lage bin, an einem solchen Abenteuer, welches körperlich und mental doch einiges abverlangt, teilzunehmen, dann habe ich es wirklich weit gebracht. 

Glocken für die Esel

Vor der zweiten Etappe des Aufstieges lässt Daniel den Saumzug neben einem grossen Felsen halten. «Früher haben die Säumer hier unten gehalten und gut gehorcht, ob sie von oben Glocken läuten hörten», erklärt er, «erst wenn sie sich sicher waren, dass kein Saumzug von oben entgegenkam, sind sie unten losmarschiert. Das Kreuzen zweier Saumzüge auf den engen Saumwegen wäre nicht möglich gewesen», ergänzt Daniel.

Wir machen uns auf. Über nebelverhangene, uralte Säumerpfade nehmen wir den Aufstieg auf den Grimselpass in Angriff. Die Wege sind faszinierend, schön – trotz oder auch wegen dem Nebel. In Felsplatten gemeisselte Treppen, über eine uralte Bogenbrücke aus Stein. Schritt für Schritt geht es voran. Hinter jeder Kurve wartet eine neue Herausforderung.

Die Zeit vergeht schnell. Alles ist neu. Meine Hoffnung auf trockene Schuhe verschlägt sich bei den diversen Bachdurchquerungen. Immerhin macht Haydo alles tadellos mit. Ich bin stolz auf ihn. Denn ab und zu macht mein Herz beim Anblick einiger Wegpassagen schon einen zu auffälligen Hüpfer.

Ein anstrengender Aufstieg

Umso näher wir der Passhöhe kommen, desto mehr lichtet sich der Nebel und öffnet uns die Tore zu einer wunderschönen Bergwelt.  Der letzte Teil der Morgenetappe führt über die normale, sprich asphaltierte Passstrasse. Und das ist anstrengender als der ganze Aufstieg zuvor, denn Asphalt schlägt extrem auf die Gelenke und was sonst noch so alles in einem Fuss ist. 

Ich komme mir vor wie eine Schnecke die sich in Zeitlupentempo fortbewegt, während Töff- und Autofahrer mühelos an uns vorbeibrausen. Die Strecke zieht sich. Auf jeden Fall komme ich irgendwann humpelnd, mit brennenden Füssen oben an. Mithilfe von Andi baste ich Haydo komplett ab. Reinige die Gurtlage mit einem feuchten Schwamm, der Aufstieg hat ihn schwitzen lassen. Mich auch. Haydo ist bestens versorgt, frisst bereits Heu. 

Wir Säumer machen uns auf zur Terrasse. Trotz Sonnenschein ist es frisch, ich bin froh, habe ich mir etwas zum Überziehen mitgenommen. Eine grosse Portion Spaghetti Bolognese wartet während dem kurzen Zwischenhalt auf uns. 

Zwischen zwei Kantonen

Der Grimselpass ist gleichzeitig auch die Grenze zwischen dem Kanton Bern und dem Wallis. Von 2'164 Meter über Meer geht es nun 800 Meter runter ins Wallis, genauer zu unserem Tagesziel Obergesteln. Ich glaube, für manche Dinge gibt es keine passenden Worte, und Fotos zeigen zwar eine Momentaufnahme, kommen aber niemals an die Magie des Augenblickes heran. Mystisch beschreibt nur eine Facette unseres Abstieges. Die Wege sind so vielfältig und wechseln ständig ihr Gesicht. Während Felsen, Heidelbeerensträucher und Lärchenwälder an mir vorbeiziehen. 

Der Saumzug hält, wir setzen uns an den Wegrand mitten in die Alpenkräuter und kurzes dunkelgrünes Gras, unsere Saumtiere am Zügel und blicken in die Weite hinaus. Berggipfel reiht sich an Berggipfel. Tief unter uns die Täler. Strahlend blauer Himmel. Warme Sonnenstrahlen im Gesicht. Frische Bergluft. Die Flora bereits mit einem leichten Touch Herbst. Mein Herz fühlt sich frei. Ich fühle mich frei. Hier oben mitten in der Natur. 

Bach oder Brücke?

Daniel lässt den Zug halten. Läuft zu uns. «Wie schwer sind eure Pferde», fragt er. «Etwas mehr als 500 kg», sage ich. «Über 600», antwortet Andi. Wir haben die schwersten Tiere im Zug. Die Haflinger vor uns sind leichter und auch das grösste Maultier der Gruppe, Giorgio, bringt weniger auf die Waage. Daniel sieht nachdenklich aus. Vor uns gilt es eine kleine Holzbrücke zu überqueren. Brücke ist übertrieben. Es sind zwei Holzlatten. Reto und Daniel hopsen in der Mitte der Latten auf und ab, diese biegen sich schon nur unter dem Gewicht der beiden Männer auffällig stark durch.

«Die Pferde durch den Bach führen», ertönt es. Welcher Bach? Wir befinden uns an einem Berg. Von einer geraden Durchquerung eines Bachlaufes kann nicht gesprochen werden. Wir sollen mit den Pferden auf der oberen Seite der Holzbrücke durchlaufen.

Zwischen zwei grossen Steinen hindurch. Die erste Haflingerstute läuft nach einiger Überredungskunst durch das Wasser. Nummer zwei folgt. Die dritte ist von der Aktion nicht überzeugt und rettet sich mit einem Satz aus dem Wasser mitten auf die Brücke. Sie hält. Das Eselchen und natürlich Minishetty Tina laufen problemlos über das Holz. 

Nase Hufe, nasse Schuhe

Nun ist es an Haydo und mir. Führe Haydo direkt hinter mir. Links von mir steht Daniel auf der Holzbrücke und versperrt Haydo mit seinem Stock und Körper den Weg, nicht dass dieser aus Versehen doch noch drüber drängt. Ich spreche mir und meinem Pferd gut zu. Schön langsam. Aufpassen. Haydo aufpassen. Aufmerksam folgt mir der Schwarze. Bewusst stehe ich mit ganzem Fuss ab, auch wenn das bedeutet, dass meine Schuhe einmal mehr nass werden. Haydo soll es mir nämlich gleich tun.

Seine Hufe schön abstellen und nicht durch das Wasser hasten und auf die Idee kommen, hinüberzuspringen, die Steine sind nämlich rutschig und lassen sich durch die Bewegung des Baches nicht gut erkennen. Nach wenigen Schritten sind wir drüben. Wie toll. Ich habe schon einfach ein super Pferd. Der macht alles mit. 

Wie ein Spanier

Andi und Vipee laufen los. Dem grossen Freiberger gefällt der Plan, durch das Wasser und nicht über die Holzbrücke zu gehen, nicht so. Er lässt sich auch von Daniel und dessen Säumerstock nicht beeindrucken, sondern will seinem eigenen Plan folgen, nämlich schnurstracks geradeaus über das Holz zu laufen. Er beginnt zu piaffieren.

Andi rutscht aus, lässt im gleichen Moment die Zügel los. Vipee nutzt seine Chance. Wie das edelste spanische Pferd tänzelt der grosse, schwere Fribifant los, über die Holzlatten. Seine Hufe scheinen den Grund kaum zu berühren. Das Holz biegt sich durch, immer stärker. Totenstille. Wir halten den Atem an. Die Latten halten, Vipee wird auf der anderen Seite von Simone, welche Fotos von ihrem Giorgio bei der Bachüberquerung machen wollte, in Empfang genommen. Andi kommt an: «Zum Glück stand ich nicht auch noch auf dem Brücklein, sonst hätte es nicht gehalten», scherzt er. Daniel läuft vorbei. «Gut gegangen», meint er und übernimmt wieder die Führung. Der Rest des Saumzuges läuft samt Saumtieren über das alte Holzbrücklein.  

Tiere werden dekoriert

Die letzten Stunden stellen mich noch einmal auf die Probe. Unten in Tal ist Obergesteln als kleiner Punkt sichtbar. Unser Ziel scheint greifbar nah, aber doch noch so unendlich weit weg. Meine Füsse schmerzen immer mehr. Wir haben heute schon viele Marschstunden und Kilometer, und auch Höhenmeter absolviert.

Die Konzentration lässt nach. Immer häufiger stolpre ich über Steine, Wurzeln und sogar meine eigenen Füsse.  Die letzte Etappe führt uns durch Lawinengebiet. «Hier ist im Winter eine Lawine runter ins Tal gedonnert», tönt es von vorne. Die jungen Birkenbäume wachsen in komisch horizontaler Stellung, nur die Krone hat sich wieder gegen den Himmel gerichtet. Einen Kilometer vor Obergesteln halten wir den Saumzug. 

Wir bereiten uns für den Einmarsch in Obergesteln vor. Jeder Säumer schnappt sich kleine Fähnchen und verziert damit sein Saumtier. Für Haydo wähle ich Schweizer Fähnchen aus, die passen immer und kommen bei schwarzem Fell des Wallachs besonders gut zur Geltung. Danach suche ich nach Blumen und Grünzeug 

Tierarztkontrolle für Grenzübertritt 

Die Leute am Strassenrand freuen sich. Wir stehen unter besonderer Beobachtung, denn der Amtstierarzt ist auch anwesend. Mustert unsere Tiere, um schlussendlich die Gesundheitsbestätigungen auszustellen. 

Am Dorfbrunnen tränken wir die Saumtiere und gehen zur Anbindevorrichtung, die sich in einer Seitenstrasse neben dem Festzelt befindet. Abwechselnd halten und waschen wir die Tiere. Zurück bei der Anbinde, bekommt Haydo wieder seinen schwarzen Kühlgurt. 

Schlafen im hundersten Stock

Ich kann es kaum abwarten, aus meinen Wanderschuhen zu kommen, meine Füsse und Beine schmerzen. Über acht Stunden Marschzeit und 25 km liegen hinter uns. 

Bestens versorgt lassen wir unsere Tiere zurück und machen uns auf die Suche nach der Unterkunft. Jeder Schritt schmerzt. Wenig später sehen wir den blauen Gepäckwagen vor einem alten Walliserhaus, mitten im Dorf und nur eine Minute von unseren Tieren und dem Festzelt entfernt. Perfekt. Riecht nach Stall. Liegt wohl an den vielen Wanderschuhen.

«Die Schlafräume befinden sich ganz zuoberst», warnen die anderen Säumer. Ich blicke auf meinen tonnenschweren Koffer und die endlosen Stufen. Nöööö, denke ich mir. Lasse mein Gepäck unter der Treppe zurück, fische nur das Nötigste raus und beginne den Aufstieg. Im gefühlt hundertsten Stock finden Tanya und ich noch einen Schlafplatz.  

"Man braucht nicht viel"

Kurz in die Turnschuhe geschlüpft, machen wir uns in sauberen Säumerhemden auf zum Festzelt. Die Fete ist bereits im vollen Gange.  Als Säumer braucht man eigentlich nicht viel, um glücklich zu sein: ein gesundes Pferd, gute Schuhe, etwas zu essen, genug zu trinken, eine warme Dusche und einen trockenen – wenn möglich warmen und weichen – Schlafplatz. Und wenn man wünschen darf, dann noch tolle Mitsäumer. Und die habe ich. 

Ich kann gerade noch verhindern, dass mein Weinglas zum dritten Mal gefüllt wird. Zum Glück, denn noch steht ein halb volles Säumerkaffee vor mir. Schläfrig verabschieden Tanya und ich uns von den andern. Zeit, um Schlaf nachzuholen, wobei viel Zeit bleibt auch schon wieder nicht mehr. Nach tausend Treppen kommen wir im Schlafgemach an.

In Schlafanzug und Schlafsack verstaut schliesse ich meine Augen. Klar ist es anstrengend, die Kilo- und Höhenmeter summieren sich und mein Körper hätte absolut nichts gegen einen Ruhetag einzuwenden. Wirklich nicht. Zwei Pässe, echt nicht schlecht – vor allem in Anbetracht, dass wir das noch nie gemacht haben – und morgen geht es nahtlos weiter. Der dritte und letzte Pass steht an, der Griespass. 

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