23.08.2019 12:57
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Bern
Publikumsliebling will Kranz holen
Publikumsliebling Willy Graber aus Bolligen BE will in Zug seinen fünften eidgenössischen Kranz gewinnen. Der gelernte Dachdecker und Landwirt bewirtschaftet einen eigenen Betrieb mit Mutterkühen, Pferden und Schafen.

«Sieger Platz 5: Willy Graber». Nachdem durch den Speaker allen Zuschauern klar geworden war, dass Graber seinen ersten Gang am Bernisch-Kantonalen Schwingfest gegen Jan Wittwer gewonnen hatte, war der Applaus in Münsingen BE riesig.

Berüchtigt für seine Bodenarbeit

Als er später die ihm rein körperlich überlegenen Thomas Sempach und Curdin Orlik bodigte, wurde erneut deutlich, welche Sympathien Graber unter den Schwingerfreunden geniesst. Das Bernisch-Kantonale 2019 vom vergangenen Sonntag schloss er mit fünf Siegen und nur einer Niederlage auf dem hervorragenden fünften Rang ab. Kaum hatte er dem Publikum zugewinkt, wurde er von Mädchen und Buben umringt, die unbedingt ein Autogramm von ihm wollten.

Es war sein letztes Bernisch-Kantonales. Am Hallenschwinget in Bolligen im Frühling 2020 wird der 35-Jährige die Schwingerhosen an den Nagel hängen. Graber ist berühmt und bei seinen Schwingergegnern berüchtigt für seine Bodenarbeit. Er sagt dazu: «Als Schulabgänger war ich erst 1,72 Meter gross und sehr leicht. Da musste ich ganz auf die Technik am Boden setzen. Mittlerweile schwinge ich aber auch in den Griffen gut.» Er ist dann auch noch auf immerhin 1,81 Meter gewachsen und wiegt heute fast hundert Kilogramm.

Produzent von Weidebeef

Willy Graber ist Landwirt. Er und seine Frau Christine Graber-Schmutz, eine Bauerntochter aus Mittelhäusern BE, halten neun Mutterkühe, in denen vorwiegend Limousin- und Charolais-Blut fliesst. Bis vor kurzem produzierten sie unter Erfüllung der strengen Auflagen für Biodiversität und Tierhaltung Weidebeef zuhanden der Migros. Nach Umstrukturierungen bei der Migros überlegen sie sich derzeit, wohin sie ihre Tiere in Zukunft liefern wollen.

Direktvermarktung ist eine der Optionen. Grabers Frau übernimmt oft das Füttern und Misten der Kühe. Sie kümmert sich um die drei gemeinsamen Kinder Anna, Alisa und Nina und arbeitet in einem Pensum von 40% als Pflegefachfrau mit Diplom II in der Klinik Sonnenhof in Bern. Und betreut nicht zuletzt die Website von Willy Graber.

Mehr Pachtland

Hans Lüthi aus Affoltern i. E. BE schaut zu seinen Gönnern und Sponsoren. Seit fünfzehn Jahren ist die Metzgerei Spahni aus Zollikofen BE der Hauptsponsor. «Das passt sehr gut, weil ich ja selbst Fleischproduzent bin», sagt Graber. Lüthi hat an Grabers Stelle verhandelt, als er kürzlich bei seinem Partner Studer Landtechnik in Lyssach BE einen New Holland T5050 als Occasionsmodell kaufte. «Ich muss eine gewisse Schlagkraft haben. Mit dem Frontmähwerk kann ich auch kurze Schönwetterperioden für die Futtergewinnung nutzen.»

Vorher arbeitete er mit einem Fiat 8090. Da bewirtschaftete die Familie Graber aber auch erst die 7,5 Hektaren Eigenland plus eine gute Hektare Pachtland. Nun ist ihre Fläche per Anfang 2019 auf 17 Hektaren angewachsen, weil Graber Land von einem Nachbarn übernehmen konnte. Dafür ist er sehr dankbar. Wegen der Mehrarbeit auf dem Betrieb wird er nächstes Jahr vielleicht sein Arbeitspensum von derzeit 80% bei der ReNoMa GmbH in Bigenthal BE reduzieren.

Interesse an Viehzucht

Bei dieser Firma für Bedachungen und Fassadenbau arbeitet er seit zwanzig Jahren. Schon die Lehre als Dachdecker machte Graber dort. Wenn er könnte, würde er ausschliesslich als Landwirt tätig sein. «Aber es muss finanziell aufgehen», betont er. Wenn er dereinst vielleicht weiteres Land übernehmen könnte und sich eine Chance dafür böte, könnte auch ein Zurück zu Milchkühen ein Thema werden.

Als Willy Graber ein Bub war, waren seine Eltern auf dem Betrieb noch Milchproduzenten. Die Umstellung auf Mutterkühe erfolgte im Jahr 2000, bereits sein Vater ging zusätzlich einer Arbeit ausserhalb des Betriebs nach. Graber jedenfalls interessiert sich sehr für die Zucht mit Red-Holstein- und Swiss-Fleckvieh-Kühen. Nach dem Ende seiner Schwingerkarriere hat er vielleicht mehr Zeit für den Besuch von Viehschauen.

Lebendpreis auf dem Hof

Eine Simmentaler Kuh war es allerdings, die er am Eidgenössischen Schwingfest 2013 in Burgdorf als Lebendpreis gewann. Er verkaufte sie damals als Zuchttier. Doch als sein Schwingklub im vergangenen Jahr in Habstetten BE das Mittelländische Schwingfest organisierte, griffen Graber und seine drei ebenfalls schwingenden Brüder Alfred, Bruno und Bänz auf die Tochter dieses Lebendpreises zurück, als es darum ging, einen Lebendpreis zu spenden.

Mittlerweile hat diese Kuh auch wieder ein Kalb geboren, und beide stehen als Mutter und Tochter auf dem Betrieb Graber. Am Mittelländischen damals stand der einheimische Graber übrigens im Schlussgang, dort stellte er allerdings gegen Curdin Orlik. Vor Jahren hat er als Lebendpreis auch ein Red-Holstein-Rind gewonnen, das er bei Hansruedi Schweizer in Utzigen einstellte, bei dem er seinerzeit im Lehrjahr war.

Freiberger Pferde

Als Zweitausbildner musste Graber «nur» noch ein Lehrjahr machen, um das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis als Landwirt zu erhalten. Auch eines der vier Freiberger Pferde bei der Familie Graber kam als Lebendpreis dorther. Das Fohlen hat er am Oberländischen Schwingfest 2018 in der Lenk BE gewonnen.

Zu den Pferden schaut Willys Vater Ueli Graber, der auch sonst auf dem Betrieb nach wie vor anpackt. Willys Mutter Lina, die mit Ueli im Stöckli lebt, leistet insbesondere als Kinderbetreuerin regelmässig eine sehr wertvolle Hilfe.

Nochmals Kranz als Ziel

In Grabers Wohnstube stehen ein Buffet vom Eidgenössischen 2007 in Aarau und ein massiver Holztisch vom Eidgenössischen 2010 in Frauenfeld. Schon viermal ging er mit einem Eidgenössischen Kranz nach Hause. Das ist auch heuer sein grosses Ziel. Er hatte bislang eine gute Saison. «Die Resultate stimmten», sagt Graber.

Mit Blick auf Zug 2019 sagt er: «Auch die Favoriten können auf den Rücken fallen. Wir werden sehen, was passiert. Es kann auch Überraschungen geben. Wir Berner stellen immer noch eine starke Mannschaft.» Jedenfalls hat Graber im Trainingsaufbau noch einmal richtig Gas gegeben. Drei Mal die Woche ist er beim Schwingklub Worblental im Schwingtraining, separates Krafttraining macht er nicht.

«Die Arbeit mit den Gerüsten und die Bewegung auf dem Hof bilden eine gute Grundlage», sagt Graber, der fürs Schwingen sicher auch ein besonderes Talent mitbringt. Er ist bereit für den Saisonhöhepunkt, und wenn er in Zug wieder Erfolg hat, wird ihm grosser Applaus sicher sein. 

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