23.01.2020 17:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Christof Hirtler
Gesellschaft
Sie setzen sich für ihr Tal ein
Lange war das Meiental im Kanton Uri von Abwanderung betroffen. Mit viel Engagement und Weltoffenheit bringen nun ein Landwirt, eine Heilpädagogin und ein Investor neues Leben ins Tal.

Drei Menschen, drei Geschichten aus dem Meiental. Die drei engagieren sich fürs Dorfleben, jeder auf seine Art. Dazu gehört Jungbauer Daniel Baumann. An einem kalten Januarmorgen sitzt er mit seinem 63-jährigen Vater Alois Baumann-De Moliner am Küchentisch im Bauernhaus im Weiler Fürlaui. Der Stall ist gemacht, die Kühe gemolken, die Kälber getränkt.

Von klein auf half Daniel Baumann auf dem Hof mit, machte während der Schulzeit am Abend den Stall. Zur Ersten Kommunion bekam er von einem Nachbarn ein Schaf, in der fünften Klasse war eine Schermaschine das heiss ersehnte Weihnachtsgeschenk. Für den gelernten Automechaniker sind Schafe seine Passion. Daniel Baumann besucht zurzeit die Bauernschule in Seedorf. Ende 2020 wird er den Hof von seinen Eltern übernehmen.

 Ans «Ende der Welt»

2016 reiste Daniel Baumann mit seinem Freund Cédric Indergand nach Neuseeland. Für Daniel war es die Erfüllung eines Kindheitstraums. Seine Eltern vermittelten ihm den Kontakt zur Familie Lewis. Sie wohnt auf der Nordinsel, unweit der Stadt Palmerston North. Acht Wochen blieben die beiden auf der Farm. Zuerst flickten sie drei defekte Quads, die wichtigsten Werkzeuge einer neuseeländischen Schaffarm. 4000 Schafe waren täglich auf der Weide zu kontrollieren. «Es gab für uns viel Arbeit beim Lammern oder beim Unterhalt der Zäune», erzählt Daniel Baumann. «Im Herbst ist es in Neuseeland oft regnerisch, kalt und windig. Wenn ein Schaf krank wurde, nahm es die Familie Lewis in die warme Küche und hat es wieder aufgepäppelt.»

In Neuseeland leben rund 45 Millionen Schafe und vier Millionen Einwohner. Eine Familie braucht mindestens 4000 bis 5000 Schafe oder 1500 bis 2000 Milchkühe, um finanziell zu überleben. «Die Bauernfamilien leben von dem, was sie erwirtschaften», sagt Daniel Baumann. «Sie sind komplett auf sich gestellt, ohne Unterstützung vom Staat. Die Lebenskosten sind hoch, die Erträge aus der Schaffleischproduktion halb so gross wie bei uns in der Schweiz.» 

 Wieder daheim

Im Februar 2017 kehrte Daniel Baumann mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen ins Meiental zurück und entdeckte daheim viele Vorteile: «Man lebt in der Schweiz nicht so isoliert wie auf einer Schaffarm in Neuseeland. Der Weg zum Einkaufen, in die nächste Stadt oder in ein Spital ist mit stundenlangen Autofahrten verbunden.» Er schätzt   im Kanton Uri die kurzen  Distanzen, die Gemeinschaft im Kirchenchor, im Skiklub, in der Katzenmusik oder bei der Interessengemeinschaft «Pro Meien», die sich für die Erhaltung der Ganzjahressiedlung einsetzt.

«Im Gegensatz zu Neuseeland wird die Landwirtschaft in der Schweiz vom Staat unterstützt. Natur, Biodiversität und Erholungsräume werden in unserer Gesellschaft immer wichtiger», sagt der junge Schafbauer. «In Neuseeland wurde ich ausgelacht, weil wir nur 400 Schafe und 11 Kühe haben. Der Bezug zu unseren Tieren ist aber viel grösser.»

Schreibt Krippenspiele

Engagiert ist auch die Schwester von Daniel, Sarah Baumann.   Sie arbeitet im Kanton Schwyz, wohnt in Altdorf, ist aber oft im Meiental.  Das Tal liegt westlich von Wassen UR, zählt  rund 60 Einwohner. Zusammen mit zwei   Meientalerinnen hat die Heilpädagogin intensiv mit den Kindern und Jugendlichen für ein Krippenspiel geprobt. Seit über zehn Jahren schreibt sie den Text, jedes Jahr neu und zu einem aktuellen Thema.

Diesmal hat sie, zusammen mit sechs Jugendlichen, den Text entwickelt. Mit dem Krippenspiel werde die Gemeinschaft gefördert. «Es ist eine Riesenleistung, dass Kinder und Jugendliche aus dem Meiental beim Krippenspiel mitmachen», sagt Sarah Baumann. «Und dies freiwillig, neben der Schule oder der Lehre.» Das Krippenspiel fördere  das Selbstbewusstsein und das Auftreten der Kinder und Jugendlichen. Davon würden sie profitieren, zum Beispiel bei der Präsentation einer Arbeit in der Schule oder später in der Lehre.

Neue Häuser 

Ein Einheimischer ist auch der 49-jährige Nicolas Etter. Er ist im «Sternen» aufgewachsen, hat jahrelang seiner Mutter im Restaurant geholfen. Seit dem 2. November 1994 ist der Sternen geschlossen. Die ehemalige Gaststube ist heute sein Wohnzimmer. Nicolas Etter ist eng mit dem Meiental verbunden. «Warum soll ein so wunderschönes Tal keine Chance haben? Der Kanton hilft uns sowieso nicht, wir müssen das selber anpacken.» Seine Idee: Mit dem Bau von zwei Häusern, Wohnraum für auswärtige Familien anbieten, Leben ins Tal bringen. Vor wenigen Tagen wurde die Aussenhülle fertiggestellt. Nach dem Innenausbau werden im Sommer 2020 zwei Wohnungen bezugsbereit sein. Damit wird ein Prozess abgeschlossen, der fünf Jahre dauerte. An diesem Ort standen zuvor das Kaplaneihaus und das Waschhaus. 

Nachdem die Besitzerin des Kaplaneihauses verstorben war, verkaufte die Erbengemeinschaft die Liegenschaft im Baurecht der Kirchgemeinde Wassen zurück. Etter konnte das Gebäude im November 2016 erwerben. Es gab diverse Verzögerungen. So lehnte das Kantonale Grundbuchamt den Eintrag im Grundbuch ab, mit der Begründung, dass zu jeder Kirche auch ein Pfarrhaus gehöre. 2016 konnte Etter auch das Waschhaus kaufen. Nach dem Abriss der alten Häuser und einer längeren Bauphase stehen nun zwei neue Häuser im Meiental.

Das Projekt kommt an

Rückblickend sagt Etter: «Es kam mir entgegen, dass ich auf der Gemeindekanzlei Wassen die Lehre gemacht, auf einer Bank gearbeitet habe sowie im Gemeinderat und in der Rechnungsprüfungskommission der Gemeinde Wassen tätig war. Mein Fachwissen und das gegenseitige Vertrauen mit den Entscheidungsträgern haben mir geholfen. Hier, bei der Kapelle, haben wir alles.» Die Lage sei phänomenal. Man sei weg vom Verkehr der Sustenstrasse und überblicke das ganze Tal. Im Meiental komme das Projekt gut an, so Etter. 

«Mein Ziel ist, dass mindestens eine junge auswärtige Familie ins Tal zieht. Die Wohnungen sind attraktiv, haben einen hohen Ausbaustand, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Zudem sind Ruhe, Natur und Gemeinschaft Werte, die wieder zählen.» Bei der Vermietung setzt er vor allem aufs Internet. Und wer weiss, vielleicht wird einst künftig der «Sternen» wiedereröffnet.

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