5.10.2019 18:08
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Graubünden
Wegen Wolf im Schlafsack übernachtet
Sepp Signer-Jörg hat erlebt, was es heisst, zehn Schafe an den Wolf zu verlieren. Die Alp blieb in der Folge unbesetzt.

Foto um Foto nimmt der rüstige Pensionär aus seinem Mäppchen und zeigt sie den Frauen und Männern, die an der Bündner Alpkäseprämierung in Cazis GR auf der Bank neben ihm sitzen. Die Bilder zeigen schrecklich zugerichtete Schafe. Schafe, die qualvoll an Verletzungen verendeten, die nicht sofort tödlich waren.

Es waren seine Schafe. Zehn Tiere hat Sepp Signer-Jörg im Juli 2019 an den Wolf verloren, dazu kamen zwei weitere tote Schafe, die einem Kollegen gehörten. Der Wolfsangriff geschah auf der Alp Traisch im Safiental, ein paar Kilometer entfernt von Domat/Ems, wo Signer zu Hause ist. 110 Tiere sömmerte er dort auf der von ihm gepachteten Alp, in den Jahren zuvor habe er nur selten ein Tier verloren, betont er. Die Tiere gehören teilweise ihm, die Mehrheit aber seinem Sohn Claudio, der Vollerwerbsbauer mit 42 Milchkühen ist.

Rund um die Uhr behirten  kann Sepp Signer die Tiere nicht, aber regelmässig schaut er zu ihnen. Nach den Rissen  ging er Hals über Kopf auf die Alp  und schlief drei Nächte lang unter dem Sternenhimmel im Schlafsack, um seine geliebten Tiere zu schützen.  Dieser Stress setzte ihm psychisch  zu. Er sah dann keine andere Möglichkeit, als die Alp noch im Juli frühzeitig zu räumen.  Er musste über 30  Lämmer vorzeitig verkaufen,  was  ihm pro Tier 50 bis 80 Franken Mindereinahmen einbrachte. Dazu kamen die Kosten für den nicht geplanten Transport.

Der Pachtzins für die Alp war natürlich trotzdem zu entrichten. Entschädigung für die Wolfsrisse hat er bislang keine erhalten, auch weil die Tiere unbehirtet waren. «Noch liegt nicht einmal der Test vor, der beweisen würde, dass es die Wölfe waren», so Signer resigniert und enttäuscht. Jahrzehntelang hat er neben seiner Arbeit als Schlosser in der Brauerei Calanda sich am Morgen und am Feierabend um seine Schafe gekümmert, seine grosse Leidenschaft. Und jetzt das.

Auch Töni Gujan vom Plantahof sagte an der  Alpkäseprämierung: «Wir hoffen auf eine gesetzliche Grundlage, die ein schnelles Eingreifen des Kantons in den Grossraubtierbestand bei Problemen ermöglicht.» Diese Woche kam die Meldung, dass  der Kanton vier Wölfe schiessen darf. 


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