10. August 2010
Er ist Journalist, Buchautor, Cantona-Biograf, Philosoph und Musiker: Philippe Auclair. TheTitle hat den umtriebigen Intellektuellen, der bei Jacques Derrida zur Schule ging, getroffen, um über die geistigen, sozialen und historischen Dimensionen des Fussballs mehr zu erfahren.
(Dieser Beitrag erschien erstmals in: TheTitle Nr. 32 / 10.8.2010)
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Alles was ich über die
Moral der Menschen weiss, verdanke ich dem Fussball.
Albert Camus#-#QUOTE#-#
Philippe Auclair ist der möglicherweise vielbeschäftigtste
Mann Londons, eine an selbstgedrehten Zigaretten saugende, hochgewachsene
Erscheinung, die an allen Enden der Stadt auftaucht, nicht selten gleichzeitig
mit dem Telefon am Ohr, dem Notizbuch in der Hand und einer Zeitung unter der
Achsel. Und wenn er einmal nicht da ist, dann sitzt er vermutlich gerade in
einem Zug Richtung Norden, oder im Eurostar Richtung Südosten auf dem Weg zu
den Kathedralen des Fussballs, aus denen er regelmässig in Radio, Fernsehen und
Print berichtet. Die Fans des Arsenal FC nennen ihn ehrfürchtig «Sir», weil er
in seiner Eigenschaft als französischer Fussball-Reporter über einen direkten
Zugang zu Arséne Wenger, dem nachdenklichen Architekten eines der massgeblichen
Teams der Premier League der letzten 15 Jahre, verfügt und die Früchte seines
privilegierten Wissens in präzisen Formulierungen an französische, belgische
und britische Medien verteilt.
Die wenigsten von ihnen wissen, dass Auclair nebenher auch
über Politik schreibt und 2006 ein Buch namens Le Royaume Enchanté de Tony Blair veröffentlichte, in dem er – zwei
Jahre vor dem Crash – den Selbstbetrug hinter dem britischem Wirtschaftsboom
entblätterte. Oder dass er als Songwriter unter seinem Pseudonym Louis Philippe
seit den achtziger Jahren unzählige Platten veröffentlicht hat, einst auf dem legendären
él Records-Label, dann in Japan, wo er als eine der wesentlichen Inspirationen
des Shibuya-Sounds gilt, dann auf seinem eigenen Label, das auf der Basis von
Vorbestellungen seiner leidenschaftlichen Fans in aller Welt operiert.
Kollaboriert hat Philippe nebenher auch immer schon gern,
besonders mit exzentrischen Persönlichkeiten wie Bertrand Burgalat, dem
Schriftsteller Jonathan Coe oder Stuart Moxham von den Young Marble Giants.
Zwischendurch fand er Zeit, sich als Arrangeur, Produzent und Begleitmusiker
für Leute wie P.J. Proby, Sean O'Hagan von den High Llamas, Towa Tei, The
Clientele oder Martin Newell nützlich zu machen, oder als enthusiastischer
Förderer, wie zuletzt der singenden Songwriterin Louise Le May, die er mit
keinem geringeren als Van Dyke Parks zusammenbrachte. Den hatte Auclair als
besessen recherchierender Koautor der von seinem Freund Michka Assayas
herausgegebenen mehrteiligen französischen Pop-Bibel Dictionnaire du Rock kennengelernt.
2009 erschien The
Rebel Who Would Be King, seine knapp 300 Seiten dicke, auf Englisch
geschriebene Biographie des in Grossbritannien abgöttisch verehrten Fussballers
Eric Cantona, seinerseits ein für seine verstiegenen Ausflüge ins Poetische und
Philosophische bekannter Franzose und als solches ein ideales Studienobjekt für
Auclair, der keinen Unterschied zwischen seiner Leidenschaft für Fussball und
der für Musik, zwischen seinem politischen Geist und taktischen Spielanalysen
sieht. TheTitle traf den gerade noch 50-jährigen zwei Wochen vor dem Anpfiff
einer WM, zu der er nicht fahren wird, weil er sie für eine Farce hält. Aber
das wäre wieder eine andere Geschichte als die, um die es hier gehen soll.
Nämlich was eine intellektuelle und musische Natur wie ihn ausgerechnet am
Fussball so fesselt.
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Philippe Auclair, Sie
sind ein Musiker und ausgebildeter Philosoph, der es sich ausgesucht hat, sein
Leben dem Fussball zu widmen. Sie sind Franzose, aber Sie leben in
Grossbritannien, wo Fussball eine ganz wesentliche Rolle spielt. Nicht dass er
in anderen europäischen Ländern unwichtig wäre...
Nein, aber es ist schon was völlig anderes hier. Gar kein
Vergleich.
Sind Sie deshalb
hierher gezogen?
Nein, sondern der Musik wegen. Und wegen meiner Frau. Mit
Fussball hatte das nichts zu tun, das kam erst später. Ich hätte in Paris ein
Universitätsprofessor werden sollen, aber ich liess mich von der Musik
anstecken, zog nach Brüssel, arbeitete dort als Küchenchef in einer Brasserie
auf der Grande Place, schrieb nebenher Songs und nahm Platten auf. Dann traf ich
ein paar Leute, unter anderem Mike Alway, der damals für Blanco y Negro Records
arbeitete. Also ging ich nach London, um dort als Arrangeur und Songwriter zu
arbeiten. Ich hatte überhaupt kein Geld, aber ich fand mich dort bald zurecht
als Berufsmusiker. Mit anderen Worten: Ich lebte von der Hand in den Mund. Aber
ich konnte machen, was ich am meisten liebte. Gleichzeitig war ich immer schon
ein Fussball-Fan, was eigentlich ein bisschen eigenartig ist, wenn man meine
Herkunft bedenkt.
Sie kommen aus der Normandie...
Ja, ich komme sozusagen aus der ländlichen Mittelklasse. In
Frankreich hat Fussball ein starkes Stigma, zumindest damals war das so. Dass
ich als Sieben- oder Achtjähriger Bilder von Fussballern sammelte, gefiel
meinen Eltern nicht besonders. Wenn ein Fussballspiel im Fernsehen lief,
drehten sie ab. Es war ein heimliches Vergnügen, ein bisschen so wie das
Anhören von Rock'n'Roll-Platten. Als ich nach England kam, begriff ich, dass
das ein Land war, wo man diesen Teil seiner Persönlichkeit zeigen konnte. Wo
man bei Tisch darüber sprechen konnte, ohne schief angeschaut zu werden. In
Grossbritannien würde einem so etwas nur passieren, wenn man auf eine
Privatschule geht, wo nur Rugby gespielt wird und Soccer verpönt ist.
In manchen der
nobelsten englischen Schulen wie der Westminster School oder in Charterhouse
hat Fussball wiederum eine grosse Tradition.
Ja, es gibt einige britische Privatschulen, wo Fussball
gespielt wird, aber oft nach eigenen Regeln. Zum Beispiel die Eton-Regeln. Das
Paradoxon ist ja, dass der Fussball in England nicht in der Working Class,
sondern in den Privatschulen der Oberschicht geboren und später durch die
Schirmherrschaft der Kirche oder der Gemeinde weitergegeben wurde, die so in
der Working Class ihre viktorianischen Wertvorstellungen etablieren wollten.
Wenn man sich ansieht, wo die meisten grossen Vereine herkamen, West Ham zum
Beispiel war die Mannschaft einer Giesserei, Arsenal das Team einer Kanonen-
und Munitionsfabrik, Celtic und Manchester United wurden unter dem Schirm
katholischer Kirchgemeinden gegründet.
Als philanthropisches
Projekt.
Genau. Die meisten Vereine in England wurden von
Philanthropen gegründet. Als ein Mittel dazu, «etwas Besseres aus sich zu
machen». Das ist ein typisch britisches Sentiment des späten 19. Jahrhunderts,
ob man sich nun in einer Blaskapelle betätigt, oder in einem Chor, oder im
Fussball. Es war die Zeit der grossen Entwurzelung einer ländlichen
Gesellschaft, die in die industriellen Zentren abwanderte. Im Fussball fanden
diese Leute eine Gemeinschaft. Deswegen ist er für die Working Class bis heute
als Bezugspunkt so wichtig.
Und dann wurde der
Fussball nach Kontinentaleuropa exportiert, zum Beispiel über den Kanal in die
Normandie: Was war dort Ihr lokaler Verein?
Der Le Havre Athletic Club.
Der heute noch in
klassisch englischen Farben spielt?
Richtig. In Dunkel- und Himmelblau, den Farben von Oxford
und Cambridge. Zugewanderte Engländer erschufen diesen Club und verliehen ihm
die Farben ihrer Universitäten. Wir hatten in der Normandie immer ein enges
Verhältnis zum englischen Fussball, das ist ein sehr spezifisches Phänomen
dieser Gegend. In meiner Kindheit gab es noch keine Live-Spiele im Fernsehen,
nur Bilder in der Zeitung, die wir ausschnitten und uns übers Bett hingen. Das
war in den Sechzigern, George Best war mein absolutes Idol. Er war der fünfte
Beatle, und er besass dieselbe erotische Aura wie die Popmusik jener Zeit. Für
mich waren Popmusik und Fussball eng miteinander verwoben, ich sah da keinen
Unterschied.
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Patriotismus spielt
doch eine grosse Rolle im Fussball, und damals hatten die Engländer gerade die
WM gewonnen.
Wir taugten zu überhaupt nichts. England hatte uns bei der
WM 2:0 geschlagen, unsere Vereine brachten in Europa nichts zustande, also
blickte jeder Fussballliebhaber automatisch über den Kanal. Der Verein, bei dem
ich damals spielte, US Quevilly, ein ziemlich berühmter Amateurclub in
Frankreich, der es bis ins Cup-Halbfinale schaffte, hatte einen schottischen
Starspieler. Für uns war das eine unglaubliche Ehre, einen Briten in Team zu
haben. Er ging auch in dieselbe Schule wie ich, er war mein Held.
(Anmerkung: An dieser
Stelle läutet Auclairs Telefon. Es ist ein französischer Radiosender, dem
Auclair eine spontane, stotterfrei flüssige Analyse der Eigentumsverhältnisse
der britischen Fussballvereine liefert, bevor er Blackpools Sieg in den
Play-Offs der – heutzutage Championship genannten – zweiten englischen Liga
analysiert. Während der Fragen seines Gegenübers nimmt er jeweils einen Schluck
aus seinem Rotweinglas und entschuldigt sich gestikulierend für die
Unterbrechung)
Später studierten Sie
dann Philosophie und vertieften sich in die Musik. Das ist die Zeit im Leben,
wo sich die meisten Leute vom Fussball distanzieren.
Besonders in Frankreich. Obwohl Albert Camus ein Tormann war
und Jacques Derrida ein Fussballprofi werden wollte. Das waren Dinge, die – um
es gelinde auszudrücken – nicht viel publiziert wurden. Ich ging auf die Ecole
Normale Superieure, das ist die Eliteschule für Philosophen. Wir hatten unser
eigenes Fussballteam, aber wir verbargen das vor unseren Universitätsfreunden.
Spulen wir vor zu der
Zeit, als Sie bereits in England lebten, und der Fussball wieder in Ihr Leben
trat.
Der Damaskus-Moment war, als ich zum ersten Mal ins
Highbury-Stadion ging. Ich war in Frankreich zu Rouen gegangen und zu Paris St.
Germain ins Prinzenparkstadion, aber ich hatte gehört, dass in England alles
anders sei. Eines Tages pilgerte ich also nach Highbury. Arsenal spielte ein
Derby gegen Tottenham. Damals kam man mit der Piccadilly Line in der
Arsenal-Underground-Station an. Es war ein langer Weg hinauf zur Strasse, und
noch bevor man beim Ausgang ankam, konnte man schon den unglaublichen Klang der
Menge hören. Alle Haare auf meinen Unterarmen standen zu Berge. Mir wurde klar:
Wer Fussball nicht versteht, kann England nicht verstehen. Das ist wirklich so.
Und dann wurden Sie
aus purem Zufall ein Fussballreporter.
Ja, im Jahr 1999 ging ich eines Tages den Strand hinunter in
Richtung Charing Cross. Ich wollte noch im Wellington ein Bier trinken, das war
ein Pub nahe des Hauptquartiers des BBC World Service, wo ich damals als
Musikjournalist arbeitete. Ich lief einem belgischen Kollegen über den Weg und
lud ihn auf einen Drink ein. Er sagte mir, dass das grösste französische
Fussballmagazin France Football ihn kontaktiert hatte. Sie suchten einen
Korrespondenten in London, weil der englische Fussball wieder in Mode gekommen
war. Er sagte: «Ich gehe zurück nach Brüssel, ich kann das nicht machen.
Hättest du Lust darauf?» Ich sagte: «Darauf kannst du wetten! Ich habe dieses
Magazin gelesen, seit ich sechs oder sieben war. Ich habe es gestohlen, wenn
ich es nicht kaufen konnte. Gib ihnen meine Nummer, gib ihnen meine Adresse!»
Nach dieser Begegnung gab France Football bei mir einen Artikel über den
Chelsea FC in Auftrag, und ich schrieb ein Essay, das weit über den Fussball
hinausging.
Das war eine sehr
interessante Zeit für Chelsea, als Künstler und Musiker wie Damon Albarn und
Damien Hirst Woche für Woche auf der Tribüne standen.
Absolut. Fussball war wieder cool geworden. Bis dahin hatte
der englische Fussball immer noch den Makel des Hooliganismus getragen, und die
Vereine hatten Schwierigkeiten, ihre Stadien zu füllen. Es ist heute nur schwer
vorstellbar, aber wenn man damals ein Arsenal-Spiel sehen wollte, konnte man
einfach am Eingang sein Ticket kaufen. Die EM 1996 änderte alles. Plötzlich
holte sich Fussball wieder den Platz in der englischen Kultur zurück, der ihm
zustand. Aber gleichzeitig öffnete er sich auch nach aussen hin. Eric Cantona
war 1992 angekommen, Arséne Wenger 1996, Gianluca Vialli war da, Ruud Gullitt,
Jürgen Klinsmann, David Ginola, Dennis Bergkamp. Der englische Fussball
explodierte nach aussen, es war die Cool Britannia, aber mit ein paar Jahren
Verspätung gegenüber der Musik.
Wie das meistens so
ist.
Richtig, eine Verzögerung ist immer da. Ich wurde also von
France Football damit beauftragt, mich darum zu kümmern. Ich schrieb nicht aus
der Perspektive eines Sportjournalisten, sondern aus der eines Londoners, und
sie wollten mehr davon. Es war eine dieser glücklichen Fügungen, die einem das
Leben vor die Füsse wirft. Ich konnte plötzlich gratis zu allen Matches gehen,
das war unglaublich. Am Ende kam es so weit, dass ich heute in Frankreich als
der Spezialist für englischen Fussball gelte. Ich bin ständig präsent auf einem
der Kanäle, durch den die Leute Fussball konsumieren. Das hat mein Leben völlig
verändert. Eigentlich sollte ich ja mit Studenten über Immanuel Kant reden,
Ästhetik war mein philosophisches Spezialgebiet. Stattdessen schreibe ich über
Wayne Rooney. Dazwischen liegt eine unglaubliche Distanz, aber eigentlich auch
wieder nicht.
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Wenn man sich das nun
anhört, klingt Ihre Wandlung beinahe opportunistisch. Andererseits haben Sie
schon 1991 oder 1992 Songs über Fussball geschrieben. Zum Beispiel einen über
Eusebio oder When Georgie Died über
George Best. Das war alles lange vor ihrer Fussballjournalisten-Karriere.
Ja, das war vorher. When
Georgie Died ist einer meiner Lieblingssongs, immer noch. Die Liebe zum
englischen Fussball war immer da, und selbst als ich mein Lied über Eusebio
schrieb, schrieb ich über Eusebio bei der Weltmeisterschaft 1966 in England.
Alles hatte mit England zu tun. Ich war auch einer der Initianten für die erste
Compilation-Reihe über Fussball überhaupt, die Bend It-Serie auf Cherry Red Records. Jim Phelan, ein echter
Manchester United-Fan, war der Mann, der das zusammen mit Mike Alway ausheckte.
Wir sprechen hier von einer Zeit, als der englische Fussball auf dem Boden lag.
Fussball war nicht etwas, mit dem man sich beschäftigte, wenn man eine Freundin
haben wollte. Mike und Jim waren echte Pioniere, weil sie als erste verstanden,
dass es etwas an unserem Verhältnis zum Fussball gab, das ins mythisches Reich
der Fantasien gehört. Das versteht heutzutage jeder. Aber damals war das
anders. Ich selbst war verliebt in den englischen Fussball, ohne zu verstehen
warum. Das kam erst später, als ich darüber schrieb und begann, mir Fragen zu
stellen. Und die Fragen meiner Frau zu beantworten: Warum sollte ich, ein
französischer Intellektueller, mich für diesen Sport der Barbaren begeistern?
Und was war Ihre
Antwort darauf?
Zuerst einfach, dass ich eben das Spektakel liebe. Aber
abgesehen davon wurde mir bald klar, dass das Schreiben über Fussball genauso
wie das Schreiben über Musik funktioniert, weil man dabei über weit mehr
schreiben kann als den Fussball selbst. Man kann sehr viel in die Handlung von
22 Männern hineinlesen, die einem Lederball nachlaufen. Auf spontane und
leidenschaftliche, aber auch sehr analytische Art. Dieses Spiel ist
aussergewöhnlich komplex und eignet sich zu endlosen Ergründungen, aber auch
zur Errichtung von Kapellen, Glaubensrichtungen und Weltanschauungen. Ich war
sehr überrascht, als ich zum ersten Mal in einer englischen Pressekabine stand.
Die Leute da waren von einem völlig anderen Schlag als in Frankreich. Ein hoher
Anteil von ihnen hatte in Oxford oder Cambridge studiert, Englisch, Philosophie
oder Physik. Und dann hatten sie sich ausgerechnet dem Fussballjournalismus
verschrieben. Ich fand, dass ich mit diesen Leuten wesentlich mehr gemeinsam
hatte als mit den Musikjournalisten. Seit den Neunzigern und den Nullerjahren
schreibt eine neue Generation über Fussball auf eine Art, wie man vorher nur
über Musik oder Architektur oder sonstige ernsthafte Themen geschrieben hätte,
die es verdienen, kultiviert und artikuliert behandelt zu werden. Es gibt sowas
wie eine alternative Fussballschreiberszene, und ich bin ein Teil davon. Nicht
weil ich wo dazu gehören wollte, sondern weil wir dieses Bedürfnis teilen, über
die historischen und die soziologischen Aspekte zu schreiben, beinahe
wissenschaftliche Studien zur Taktik, aber auch poetische Texte zu verfassen.
Die Engländer benötigen immer Prismen. Sie sind nicht sehr gut darin,
unmittelbar zu artikulieren, was sie fühlen. Sie brauchen einen bestimmten
Rahmen, innerhalb dessen sie sich ausdrücken können. Sport kommt da sehr
gelegen, und Fussball natürlich besonders, denn Fussball ist einerseits
abstrakt, was die Taktik und die Organisation auf dem Feld angeht, andererseits
auch zutiefst politisch, sehr emotional, und zumindest in England direkt
verbunden mit der Herkunft der eigenen Familie.
Und die Briten dürfen
beim Reden darüber ausnahmsweise hemmungslos gescheit sein, ohne dafür von
ihren Mitmenschen mit Argwohn betrachtet zu werden.
Ja, das Wort «clever» ist eine Beleidigung in Britannien:
«Du bist aber ein Schlauer.» Aber wenn man beim Reden über Fussball clever ist,
respektieren einen die Leute. Wenn man schlüssig erklären kann, wie Steven
Gerrard seine Position gewechselt hat, ist man ein toller Hecht. Das ist
wirklich wichtig.
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Ich glaube, an dieser
Stelle sollte ich Ihr Cantona-Buch ins Spiel bringen. Das war als Bestseller
angelegt und wurde auch einer. Aber Sie verfolgten dabei auch eine
künstlerische Ambition. Glauben Sie, dass Sie in keinem anderen Land die
Gelegenheit gehabt hätten, diese Ambition zu erfüllen?
Ja, das wäre sonst nirgendwo möglich gewesen. Auch nicht das
Buch, an dem ich im Moment schreibe. Das ist noch eine Fussballerbiographie,
und zwar über Thierry Henry, den ehemaligen Arsenal-Spieler. Natürlich wäre es
sehr einfach, die ganzen Match-Reports und Interviews durchzugehen und daraus
was zusammenzustellen, das wie eine Biographie aussieht und einen
chronologischen Sinn ergibt. So etwas wurde auch schon gemacht und hat sich
nicht besonders gut verkauft. Was wiederum einiges darüber aussagt, was für
eine Art von Fussballbuch die Leute in diesem Land gerne kaufen. Auf der
anderen Seite gibt es da auch einen wirtschaftlichen Aspekt. So ein Buch zu
schreiben, braucht zwei bis drei Jahre. Sowohl was die Interviewpartner angeht
als auch die Gründlichkeit der Recherche und die schreiberische Qualität.
Cantona kostete mich drei Jahre, Henry wird zweieinhalb brauchen, wenn ich
Glück habe. Wahrscheinlich drei. Nur in England könnte man einen Verleger
finden, der einem diese Arbeitszeit bezahlt, zwar relativ schlecht, aber immer
noch dreimal so gut wie überall sonst. Das gibt einem die Möglichkeit, den Job
ordentlich zu erledigen. Ausserdem werden diese Bücher in seriösen Zeitungen
rezensiert. Ich glaube nicht, dass viele Fussballbücher in der Süddeutschen
Zeitung und in Le Monde besprochen werden. Mein Cantona-Buch wurde hier in
jeder Qualitätszeitung behandelt. Und in allen Boulevardblättern. Darüber
hinaus gibt es einen Nukleus von fünfzig bis sechzig Schreibern in diesem Land,
die Bücher von einer erstaunlichen Qualität schreiben, und das schafft
einerseits eine Dynamik unter uns Schreibern, andererseits auch ein
vorbereitetes Publikum. Momentan stehe ich bei etwa 35’000 verkauften
Exemplaren. Für ein Buch dieser Art ist das ziemlich erstaunlich, weil es nicht
nur eine schlichte Biographie ist, sondern auch eine Sammlung von Essays
enthält, die viele Leser für prätenziös halten könnten.
Haben Sie einen
Eindruck davon, wer ihre Leser sind und was sie davon halten?
Ja. Als ich im Trafford Commerical Centre in Manchester eine
Signierstunde abgehalten habe (was in etwa so ist, als würde man sich in den
örtlichen Aldi setzen), bekam ich nichts als äusserst intelligente Kommentare
zu hören. Fussball erlaubt den Leuten nachzudenken. Das klingt anmassend, aber
in meinem Buch geht es auch um Xenophobie, um das Exil, um Fussball als Kunst,
um den beruflichen Selbstmord eines Fussballers. Solche Themen würde man im
Sportteil der Daily Mail sicher nicht unterbringen. Aber wenn man das in einem
Buch schreibt, und wenn man dann diese Manchester United-Fans, die alle aus der
Working Class kommen, persönlich trifft und mit ihnen darüber spricht, sieht
man, dass es keinen Grund für die vorgeblich dem Publikum zuliebe betriebene
Banalisierung der Berichterstattung gibt. Die wissen ganz genau, wovon man
schreibt. Sie investieren so viel in den Fussball. Das war eines der Probleme,
die ich mit Jacques Derrida hatte. Er war einer meiner Lehrer an der Ecole
Normale Superieure. Er wollte ein professioneller Fussballer werden. Das war
etwas, das niemand an die grosse Glocke hing. Aber er schrieb immerhin ein paar
Sachen über Fussball. Er erklärte, dass das, was ihn daran fasziniere, sei
seine Abstraktion. Alles passiert innerhalb klar markierter Grenzen, zwischen
diesen 22 Menschen, unter Einhaltung strenger Regeln. Das faszinierte ihn.
Zurecht. Aber er meinte auch, dass im Fussball nichts jenseits der
Spielfeldmarkierungen existiere. Wenn man das von einer englischen Perspektive
her betrachtet, denkt man das genaue Gegenteil. Alles passiert jenseits des
Spielfeldrands, nämlich auf den Rängen.
Und haben Sie ihn
damals darauf angesprochen?
Leider nein, aber mit anderen Fussballschreibern kann ich
mich endlos über solche Sachen unterhalten. Auf andere wirken unsere Gespräche
sicher sehr prätenziös. Erst vorgestern ging ich in der Fleet Street auf eine
Pub-Tour mit meinem Freund Jonathan Wilson, dem Autor von Inverting The Pyramid, der ersten Geschichte der Taktik im
Fussball, ein grossartiges Buch. Mit dabei waren ein Mann, der eine
Fussball-Taktik-Website namens Zonalmarking.net betreibt, sowie einer, der an
der London School of Economics Robotertechnik unterrichtet. Gemeinsam haben wir
ordentlich getrunken und uns dabei über Fussball unterhalten. Ich dachte mir:
Wo ausser in England könnte ich solche Konversationen über einen
Hooligan-Zeitvertreib wie Fussball führen? Wir redeten über Dinge wie die Frame
Theory. Warum ist es unmöglich, Roboter zu bauen, die menschliche Aktivitäten
nachempfinden können? Warum ist es unmöglich, in digitalem Format
nachzuempfinden, wie ein bestimmter Spieler einen Pass anwinkelt? Wenn man sich
die Strömungen in der Kunstgeschichte ansieht, kann man im Fussball Spielweisen
erkennen, die damit korrelieren, so wie im Schach. Wenn einer glaubt, Fussball
sei eine Aktivität, die nichts mit den Dingen zu tun hat, die wirklich zählen,
dann liegt er sehr falsch. Sie selbst stammen ja aus Österreich, sicher kennen
Sie Matthias Sindelar.
Den Kapitän des
österreichischen Wunderteams der Zwanziger und Dreissiger Jahre.
Genau. Ich sage Ihnen, die Donau-Schule des Fussball liesse
sich etwa als der letzte Seufzer der freien künstlerischen Kreativität in
diesem Teil von Europa vor dem Nazismus interpretieren. Matthias Sindelar ist
ein Symbol dafür, was mit Österreich passierte. Aber auch das, wofür Sindelar vorher
stand. Seine Verbindungen zur Kaffeehausgesellschaft und damit zur Kunst und
der Musik in Wien. Gut, er hinkte ein bisschen hinten nach, er hätte 1905 schon
da sein sollen, er kam 30 Jahre zu spät. Aber die Verbindung ist eindeutig da.
In England sind sich viele Leute dessen bewusst, und in Argentinien gibt es
auch Leute, die so denken. Aber in Frankreich wäre das völlig inakzeptabel.
Dabei ist die Tätigkeit, die mehr Menschen des 20. Jahrhunderts gefesselt hat
als alles andere das Treten eines Fussballs. Abgesehen vom Sex vielleicht. Aber
das Treten eines Fussballs ist die essentielle Erfahrung des 20. Jahrhunderts,
nicht das Schiessen mit einem Gewehr. Doch wenn man sich eine Geschichte dieser
Epoche ansieht, dann bleibt Fussball ausgeklammert. Haben Sie je Eric Hobsbawm
getroffen?
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Gelesen ja, getroffen
nicht.
Ich bin zu Eric Hobsbawm nach Hampstead gegangen, als
Begleiter einer Freundin, die eine Geschichtsprofessorin ist und ihn
interviewen wollte. Sie stellte ihm all diese Fragen darüber, wie er dem
Nazismus entgangen war, und ich dachte mir: Moment einmal, Eric Hobsbawm ist
verrückt nach Fussball. Ich werde es immer bereuen, dass ich ihn nicht gefragt
habe, warum er als Sozialhistoriker in seiner Geschichte des 20. Jahrhunderts (Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte
des 20. Jahrhunderts 1914–1991) von 3000 Seiten nur eine einzige dem
Fussball gewidmet hat, im Vergleich zu etwa 15 Seiten für den Sozialistischen
Realismus. Das ist verrückt. Ich denke hier nicht bloss an politisch
aufgeladene Situationen wie die WM 1934 mit Pozzos Italien-Team und dem
Hitlergruss des englischen Teams in Berlin 1938, sondern auch den 6:3 Sieg des
Ungarn-Teams 1953 gegen England in Wembley. Wie sie in Helsinki olympisches
Gold erreichten, und was das vor dem Aufstand 1956 bedeutete. Was sie auf dem
Spielfeld zeigten, war die Qualität der kreativen Freiheit und blickte voraus
auf das, was in Ungarn passieren würde. Dieses Land hatte in sich einen Geist
versetzt, der sich der Tyrannei widersetzte. Und natürlich setzten sich all
diese Spieler 1956 prompt ins Ausland ab. Oder nehmen wir das Frankreich-Team
der späten Fünfziger. Die Tatsache, dass die algerischen Spieler aus dem
französischen Team entfernt wurden. Warum wird Fussball nicht mit mehr
Ernsthaftigkeit behandelt, wenn es um seinen Platz in der Geschichte geht? In
England gibt es Universitäten, deren Soziologie-Institute sich damit befassen,
aber da geht es vor allem um Dinge wie Hooligans und die soziale Analyse der
Leute, die zu Fussballspielen gehen, nicht um den weiteren Zusammenhang.
Was halten Sie
eigentlich von all den patriotischen Fahnenschwenkern, die bei jeder WM in
England so massenhaft in Erscheinung treten?
Ich gehe jedes Jahr zu etwa 100 Spielen. Seit 12 Jahren.
Diese Art von Einstellung habe ich fast ausnahmslos nur bei England-Spielen
gesehen, nicht bei Club-Spielen. Die Leute, die sich wirklich für Fussball
interessieren, unterstützen Vereine und scheren sich einen Dreck um das
England-Team. Ich war neulich erst in Wembley bei England gegen Mexiko, und ich
sah mir die Leute auf den Rängen an. Viele der Fahnen kamen nicht aus den
grossen Fussballstädten, sondern aus kleinen Orten wie Stevenage. Little
England war nach Wembley gekommen. Diese Leute sind nicht dieselben, die ich
sonst in den Stadien dieses Landes sehe. Alles hat sich so stark verändert.
Viele Leute behaupten, dass sich vor allem die soziale Herkunft der Leute, die
zu Fussballspielen gehen gewandelt habe, aber ich stimme damit nicht überein,
selbst wenn die Karten teurer geworden sind. Die Leute, die zu den Spielen
kommen, sind Fans eines Clubs, das ist eine Community, wo man singen kann und
bis zu einem gewissen Grad tun kann, was man will. Es ist ein Statement des
Dazugehörens. Nicht zu einem Land, sondern zu einem Club. Wenn man zu Millwall
geht, einem Verein, der einen furchtbaren Ruf hat, dann wird man überrascht
feststellen, dass es sehr viele schwarze oder asiatische Leute gibt, die dort
hingehen und in Gesänge mit einstimmen, die manch einer für verletzend halten
könnte. Weil sie sehr unanständig sind. Aber Rassenkonflikte? Null. Ich höre
Leute darüber reden, die nie dort hingehen. Weil sie Angst davor haben. Ich
gehe zu West Ham, das bei grossen Derbys auch als gefährlich gilt. Da sieht man
massige Typen mit Tätowierungen und rasierten Köpfen, und man denkt sich: Ah,
die gehören wohl zur National Front. Aber es ist wesentlich komplizierter als
das. Es ist ein Ort, wo man sein kann, wer man sein will, und für die Engländer
mit all ihren Komplexen gibt es derer nicht viele. Es klingt vielleicht dumm,
aber ich verbringe mein Leben mit diesen Leuten, und ich finde sie
interessanter als viele andere, die ich sonst im Alltag treffe.
#-#IMG2#-##-#SMALL#-#Philippe Auclair.
Cantona – The Rebel Who Would Be King. Pan McMillan, London. Paperback. 456
Seiten. £ 8,99#-#SMALL#-#
Links:
#-#SMALL#-#Louis Philippe – Offizielle Webseite »#-#SMALL#-#